„Das Normale genügt nicht mehr“

Als reisende Prostituierte in Frielendorf: Aus dem Leben der 68-jährigen Babsi

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Seit 40 Jahren im Job: Babsi, 68 reisende Prostituierte, will nicht von der Rente ihres Mannes abhängig sein. 

Frielendorf. Babsi ist 68 und reisende Prostituierte in Frielendorf im Schwalm-Eder-Kreis. Wir haben mit ihr über ihren Beruf gesprochen - und über absonderliche Wünsche der Freier.

Viel Zeit bleibt nicht beim Besuch in der heruntergekommenen Doppelhaushälfte in Frielendorf. Ab zehn Uhr erwartet die Prostituierte die ersten Kunden. Ein schlammiger Weg zwischen zwei barackenartigen Häusern führt zum versteckten Eingang hinter dem Haus. „Glück“ steht auf der Klingel. Es öffnet eine attraktive Blondine. „Babsi“ stellt sie sich vor. Sie trägt ein ärmelloses Stretchminikleid im Leomuster, ist stark geschminkt, die Haare sind zurückgesteckt. Einzig die Beine, gespickt mit einem blauen Netz aus Besenreisern, lassen ihr Alter ahnen.

Die Frau führt in die Wohnung im schmeichelnden Halbdunkel. Sie prostituiere sich mit 68 Jahren, weil sie auch im Alter ein selbstbestimmtes Leben führen möchte, sagt sie. „Ich will nicht von der Rente meines Mannes abhängig sein.“ Durch den Flur mit bunten Lichterketten an der Wand geht’s ins Wohnzimmer. Die rote Kunstledercouch ist abgedeckt mit einer Decke, das Radio dudelt. Die Tür zum Arbeitszimmer ist offen. Der Raum ist abgedunkelt, es brennen viele Kerzen. Auf dem Nachttisch stehen Sexutensilien. Babsi setzt sich auf die Couch, zündet sich einen Zigarillo an und erzählt von ihrem Leben – fast emotionslos wirkt sie dabei. Sie stammt aus der Pfalz und lebt seit 35 Jahren in der Nähe von Offenbach. Vier Jahrzehnte arbeite sie als Prostituierte. Zwischenzeitlich betrieb sie mal ein Solar- und Nagelstudio. Mit Frauen zu arbeiten war ihr allerdings „zu doof“.

Kontaktanzeige: So wirbt die Prostituierte auf ihren Reisen in den Lokalzeitungen.

Dass sie auf langjährige Erfahrung zurückblickt, wird klar, als es um ihre Kundschaft geht. Mit starrem Gesichtsausdruck spult Babsi die Eigenschaften ihrer Freier ab: Auch mit 68 verkauft sie sich an Männer von 18 bis über 90 Jahren. Sex ist nicht vom Alter abhängig, ist sie überzeugt. Ein 92-Jähriger ist ihr in Erinnerung geblieben, weil er außerordentlich rüstig bei der Sache war. „Die jungen Männer sind meist Kerle, die noch etwas von mir lernen wollen.“ Die älteren geben an, keinen Spaß mehr mit ihren Ehefrauen zu haben, sich aber nicht mit einer Affäre belasten zu wollen. Häufig kommt sich die 68-Jährige wie eine Sozialarbeiterin vor: „Viele suchen einfach die Nähe und wollen mal reden.“

Das Gespräch wird von einem Anruf unterbrochen. Ein Kunde. Babsi erklärt ihm, wo sie zu finden ist („läuten musst du bei Glück“), beschreibt sich: 1,75 groß, Körbchengröße 85 C, Konfektionsgröße 38, blondes Haar. Dann wird verhandelt. Über den Preis, die Wünsche des Kunden. Er will „Natursekt“ haben. Das ist eine sexuelle Vorliebe für Urin. Das wollen inzwischen viele, meint Babsi. „Das Normale genügt nicht mehr.“

In Frielendorf läuft das Geschäft ihrer Einschätzung nach gut, es kommen viele Männer aus den Dörfern zwischen Homberg und Treysa. Sie arbeitet gerne im ländlichen Raum. „Die Männer sind genügsamer, verlangen weniger Abartiges.“ Aggressive Vorfälle hat sie selten erlebt. „Ich gebe einem Mann die Hand, dann weiß ich Bescheid.“

15 Männer täglich würde sie noch schaffen, meint Babsi. In der Regel seien es aber zehn, arbeiten tut sie nur noch tagsüber ab zehn Uhr. Um die 80 bis 150 Euro verdient sie pro Kunden. „Nirgendwo könnte ich soviel verdienen wie in diesem Job“, ist sie sich sicher.

Klingel fest drücken: Glück steht auf dem Schild.

Sechs Monate im Jahr geht sie ihrem Gewerbe nach und spart für die andere Hälfte des Jahres. Im März will sie mit ihrer Freundin für mehrere Monate nach Afrika, dort besitzt ihr Mann, ein Afrodeutscher, ein Haus. Mit ihm ist sie seit mehr als 40 Jahren verheiratet. Er ist der Vater ihrer beiden Kinder. Auch Enkel hat Babsi bereits.

Wie lange sie ihrem Beruf noch nachgehen kann, weiß sie nicht. Das kommt darauf an, wie ihr Rücken mitspielt. Da viele Männer inzwischen übergewichtig seien, belaste sie deren Gewicht sehr. „Ich mache meinen Job gerne“, sagt sie, „man muss allerdings stark sein, es ist eine seelische Belastung.“

Link-Tipp: Vor einigen Jahren waren wir schon einmal bei einer reisenden Prostituierten im Schwalm-Eder-Kreis. Über ein Arbeitsleben im durchsichtigen kurzen Negligé und schwarzen Lack-High-Heels. 

Quelle: HNA

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