Ambulantes Betreuungsangebot der Vitos Kurhessen

Familie gibt zwei psychisch kranken Menschen seit 14 Jahren ein Zuhause

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Aufgenommen in einer Familie: Das Foto zeigt einen Gastpatienten mit seinem Gastvater. Für das ambulante Betreuungsangebot sucht Vitos immer wieder Gastfamilien. 

Wolfhager Land. Das Angebot "Begleitetes Wohnen in Familien" gibt Menschen mit psychischer Erkrankung ein Zuhause. Wir haben eine Familie besucht, die zwei Gastpatienten aus Merxhausen betreut.

Es war Claudias (Name von Redaktion geändert) Mutter, die ihr von dem Betreuungsangebot der Vitos Klinik erzählte. „Meine Mutter ist Krankenschwester gewesen. Sie meinte, wir könnten ja vielleicht auch jemanden aufnehmen“, sagt Claudia aus Schauenburg. Wenige Tage später stimmte die ganze Familie der Idee zu und so kamen vor 14 Jahren die beiden psychisch erkrankten Regina S. (damals 39) und Horst W. (damals 44) in ihre Familie.

Heute kann sich die Familie ein Leben ohne die beiden nur schwer vorstellen: „Wir kennen es ja nicht anders“, sagt Claudia. Regina war mit 39 noch jung, als sie die Familie aufnahm, sagt Claudia. „Na, ich bin doch immer noch jung!“, erwidert die mittlerweile 53-jährige Regina mit einem kurzen Lächeln, streicht sich durch die Haare und blickt dann starr zum Boden. Wieder versunken in einer anderen Welt. „Ja ... sie hat nur ganz wenig Konzentration“, sagt ihre Pflegemama Claudia. 

Ein harmonischer Alltag 

Neben ihr sitzt auch Horst W., ihr zweiter Gastpatient. Er kam nur vier Wochen nach Regina in die Familie. „Die beiden kannten sich schon aus Merxhausen und kommen gut miteinander aus.“ Regina und Horst haben jeweils ein eigenes Zimmer in dem großen Haus der Familie, einen gemeinsamen Wohnbereich und teilen sich ein gemeinsames Bad. Und besonders wichtig: Sie haben einen harmonischen und geregelten Alltag. Doch aller Anfang ist schwer: „Geduld ist das A und O. Schönreden braucht man das nicht, es ist nun mal ein Fulltime-Job“, gibt sie zu. Denn bis man einen routinierten Alltag gefunden hat, dauere es eine Weile. In ihrem Fall heißt das: Jeden Tag zur selben Zeit Frühstück, Mittag- und Abendessen, geregelte Schlafzeiten und keine spontanen Ausflüge. „Abwechslung im Alltag überfordert die beiden.“ 

Ein großes Herz, das muss man als Gastfamilie einfach haben, sagt die Pflegemama. Deshalb bereue sie es auch nicht, dass sie seit 14 Jahren auf so manchen spontanen Ausflug verzichten musste. „Es ist ein Geben und Nehmen. Derjenige, der einen Gastpatienten aufnimmt, bekommt auch etwas zurück.“ Damit ist aber nicht das Geld gemeint. 

In den ersten Jahren habe sie ihre Gastpatientin immer wieder irgendwo abholen müssen, weil sie orientierungslos sei. Doch mit der Zeit habe sie sich den Weg zum örtlichen Bäcker oder Lebensmittelladen eingeprägt. „Mit einem Einkaufszettel erledigt sie jetzt sogar kleine Einkäufe“, sagt sie. Ein Fortschritt, den sich die Familie niemals erträumen lassen hat, saß Regina noch vor 14 Jahren im Rollstuhl. 

Gastpatienten sind wie Tante und Onkel

Und Horst, er war schon immer eine kleine Hilfe: Bei Gartenarbeiten habe er immer freiwillig helfen wollen. Und für die Kinder der Familie seien Regina und Horst wie Tante und Onkel gewesen. „Meine Kinder sind mit ihnen groß geworden.“ Regina musste nicht selten stundenlange Mensch-Ärger-Dich-Partien mit den Kindern aushalten und Horst musste als Torwart hinhalten. „Jaja, was soll man denn machen, die Kinder kamen ja immer an und wollten spielen“, wirft Regina kurz ein und schaut schnell wieder weg. Sie fühle sich wohl in ihrer neuen Familie. „Besser als im Krankenhaus“, sagt sie still. Weitere soziale Kontakte haben die beiden kaum. „Ab und zu schnacken wir mit den Nachbarn“, sagt Horst. Die habe er mal bei Gassigängen kennengelernt.

Es sei die Normalität, die den Gastpatienten helfe. „Ich meine was ist schon in einem Krankenhaus oder Heim normal? Ein familiäres Zuhause, das ist normal“, sagt die Pflegemama. Manchmal gehe man einander halt auch auf den Keks und dann verträgt man sich wieder. „Wie in einer richtigen Familie halt“, sagt Regina zum Schluss.

Quelle: HNA

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