Letzte Zeitzeugen und Darsteller berichten über den Film „A Wedding in Hesse“ (1942)

Als ein Amerikaner die Schwalm im Bunker fand

Erinnert sich: Darstellerin Katharina Fehr (87).

Schwalm. Es ist eine der unglaublichsten Geschichten aus der Schwalm – in Kurzform geht sie so: 1942 dreht eine Dresdener Firma in Schrecksbach einen Film über den Schwälmer Hochzeitsbrauch. Um die Volksidentität zu festigen, wollen ihn die Nazis als Vorfilm in Kinos zeigen. Doch als die Kriegswende kommt, landet der Film in einem Dresdener Bunker, wo ihn beim Einmarsch der Alliierten ein US-Soldat an sich nimmt. Die Amerikaner vertonen den Stummfilm, nennen ihn „A Wedding in Hesse“ und so läuft er 20 Jahre lang als Vorfilm. Bis 1968: Da entdeckt ihn ein Schwälmer in einem Kino in Long Beach bei Los Angeles.

Der deutsche Kinobesucher in Kalifornien war Karl-Friedrich Metz aus Holzburg, der ausgewandert war. Eigentlich wollte er sich an diesem Tag im Jahr 1968 mit seiner Frau und Sohn Martin zur Eröffnung eines deutschen Kinos die Komödie „Wirtshaus im Spessart“ anschauen.

Was er dann als 14-minütigen Vorfilm zu sehen bekam, trieb ihm Tränen in die Augen, erinnert sich dessen Schwester Hildegard Falk an das Erlebnis ihres 2008 verstorbenen Bruders. Sohn Martin soll erstaunt im Kino gerufen haben: „Guck mal Papa, da ist der Schönberg“. Noch bevor der Hauptfilm begann, rannte Karl-Friedrich Metz zum Leiter des Filmtheaters und bat, den Film aus seiner Heimat ausleihen zu dürfen.

Pfarrer kämpfte für den Film

Wie ein weiterer Zufall es wollte, entdeckte auf diese Weise der Sohn jenes Holzburger Pfarrers den Film wieder, der ihn seinerzeit gegen den Widerstand der Schrecksbacher möglich gemacht hatte. 1942 war es der Geistliche Heinz Metz gewesen, der in seiner Gemeinde für das Vorhaben der Dresdener Filmgesellschaft Boehner-Film warb. In den Kriegsjahren war das keine leichte Aufgabe, wie sich auch Katharina Fehr, eine der letzten noch lebenden Darsteller, erinnert (siehe Artikel links). „Es sollte eine prächtige Hochzeit inszeniert werden, während an der Front die ersten Schrecksbacher gefallen waren“, sagt Fehr.

Von den damaligen Laiendarstellern, die der Regisseur Curt A. Engel unter den Dorfbewohnern auswählte, lebt heute nur noch eine Handvoll. Katharina Best und Johannes Diehl, die Braut und Bräutigam spielten, leben nicht mehr. Sie waren im wirklichen Leben nicht liiert.

Hauptdarsteller Diehl beschrieb seinen Einsatz vor der Kamera in einem früheren Interview so: „Ich war nach achtzehn Monaten an der Front auf Urlaub in Schrecksbach, als die Filmgesellschaft mir mitteilte, den Bräutigam in einem Film zu spielen. Alles Sträuben half nichts: Wir wurden quasi dienstverpflichtet.“

Des Pfarrers Wort hatte Gewicht und Metz lag die Überlieferung von Tradition und Tracht am Herzen. „Wenn mein Vater die Schrecksbacher nicht hätte überreden können, dann hätte es keiner geschafft“, sagt Hildegard Falk.

„Es sollte eine prächtige Hochzeit inszeniert werden, während an der Front die ersten Schrecksbacher gefallen waren.“

Katharina Fehr, Darstellerin

Als die Film-Crew Schrecksbach verlassen hatte, geriet der Film in den Kriegs- und Nachkriegswirren in Vergessenheit. Nachdem Karl-Friedrich Metz in Kalifornien die Entdeckung seines Lebens gemacht hatte, war noch viel Verhandlungsgeschick nötig, bis der Film erstmals in der Schwalm gezeigt wurde. Dabei kam es zu bewegenden Szenen (siehe Artikel unten).

Von Bastian Ludwig

Quelle: HNA

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