Junge feiert 10. Geburtstag

Amon Witte rettete eine Lebertransplantation das Leben

Heute: Amon auf dem Rücken von Apanatschi, einem Therapiepferd. Niemand merkt dem fast Zehnjährigen heute an, dass er beinahe seinen ersten Geburtstag nicht erlebt hätte. Foto: nh

Wettesingen/Volkmarsen. Amon ist ein ganz normaler zehnjähriger Junge. Außer, dass er beinahe nicht einmal ein Jahr geworden wäre.

Der kleine Wettesinger, der die Volkmarser Kugelsburgschule besucht, reitet, trifft sich mit Freunden oder bastelt mit Unterstützung seines großen Bruders Florian komplizierte Lego-Technik-Modelle. Doch seine Vorgeschichte unterscheidet den knapp Zehnjährigen von vielen anderen Kindern: Eine Lebertransplantation rettete ihm buchstäblich im letzten Moment das Leben. Heute zeugt in erster Line eine große Narbe auf Bauch und Brust davon. Amon nennt sie „meinen Anker“.

Vater und Sohn: Stefan Witte und der damals achtmonatige Amon kurz nach der Transplantation. Amon nennt die bei der Operation entstandene Narbe heute seinen Anker. Foto: privat

„Ein Abgrund tut sich auf und es kommt einem vor, als ob einem im Sitzen der Stuhl weggezogen wird und man ins Unendliche fällt“: Mit diesen Worten schildert Amons Mutter Christiane im November 2002 den Moment, in dem ihr die Ärzte im Kinderkrankenhaus Park Schönfeld eröffneten, dass der gerade einmonatige Amon ohne Gallengang und Gallenblase geboren wurde.

Die Krankenschwester begreift schnell, was das bedeutet. Amon muss operiert werden – 39 Tage nach seiner Geburt erhält er in einer mehrstündigen OP einen neuen Gallengang.

„Ich bin noch heute dankbar für die Unterstützung und den Zuspruch, die wir damals von vielen Seiten bekommen haben.“

Doch nur wenige Wochen später wächst Amons Bauch enorm an – die Leber nimmt fast den ganzen Bauchraum ein und er lagert Wasser ein. Christiane Witte damals: „Unser Sonnenschein sieht aus wie ein Biafrakind.“ Schnell wird klar, dass Amon ohne Lebertransplantation keine Überlebenschance hat.

Eine Zeit des Bangens und Wartens beginnt. Amon steht auf der OP-Liste des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Doch es findet sich kein passender Spender. Amons Vater Stefan käme als Lebendspender in Frage, aber es gibt zunächst Bedenken seitens der Ethikkommission, da er als Ernährer der Familie längere Zeit ausfallen würde.

Ärzte schlugen Alarm

Ganz neue Aussichten: Amon kann nach der Operation erstmals auf dem Bauch liegen. Foto: privat

Als Amons Ärzte schließlich Alarm schlagen – ohne Lebertransplantation würde Amon maximal noch wenige Wochen leben – kommt endlich die Zustimmung der Ethikkommission zur Operation. Amon erhält einen Leberlappen seines Vaters – und beide überstehen die Operationen ohne Komplikationen. Von da an entwickelt sich Amon gut. Die Wassereinlagerungen sind weg, und er „entdeckt, dass es „hinter dem Bauch weitergeht“, erzählt seine Mutter damals: „Er hat seine Füße wahrgenommen, untersucht sie eingehend und quietscht und gluckst sich dabei einen in Babysprache zurecht.“

Zwei Monate müssen Amon und seine Mutter nach der Operation noch in Eppendorf bleiben und regelmäßige Kontrolloperationen gehören ab sofort zum Leben der Familie. Allerdings sind die Abstände heute viel größer geworden. Zwar wird Amon zeitlebens Medikamente nehmen müssen, aber die Dosierung „ist sehr gering“, freuen sich seine Eltern heute.

Allerdings hat Amon eine Entwicklungsverzögerung aus der frühkindlichen Phase „mitgenommen“: Weil er sich wegen des enormen Bauches in den ersten Monaten nicht drehen konnte und die Krabbelphase fast ausfiel, haben sich bestimmte Gehirnverbindungen nicht normal ausgebildet.

Konzentrationsstörungen sind bis heute die Folge

Regelmäßige Reit- und Ergotherapie sowie Gitarrenunterricht helfen zunehmend, diesen kleinen Rückstand aufzuholen. „Amon macht inzwischen seine Hausaufgaben alleine, schreibt bessere Noten und lernt selbstständig“, sagt Christiane Witte.

In diesen Tagen feiert Familie Witte Amons zehnjährigen Transplantations-Geburtstag. Niemand sieht dem zehnjährigen Energiebündel seine Geschichte heute an. Wenn da nicht der Anker wäre. „Ein Anker ist etwas Gutes“, überlegt Amon, „er verhindert, dass das Schiff weggetrieben wird“. Und der Anker ist das Symbol der Hoffnung und der Zuversicht, ergänzt seine Mutter Christiane Witte.

Ohne Hoffnung hätten Christiane Witte und ihre Familie die schweren Monate damals nicht durchgestanden. „Es ist eine Zeit, in der man zusammenbricht, um wieder aufzustehen und zu wachsen“, hat sie im November 2002 tapfer gesagt.

Von Eva D. Schwarz

Quelle: HNA

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