Ostern vor über 70 Jahren

An Ostern ging es mit dem Leiterwagen ins Grüne 

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Ostern wurde auch während des Krieges gefeiert: Die Seniorin Ingeborg Thal, (94) erinnert sich an das Osterfest vor vielen Jahren in der russischen Besatzungszone. Heute lebt sie im Seniorenwohnheim Wolfhagen. 

Wolfhagen. Hat man schon vor über 70 Jahren an Ostern Eier gesucht? Wir sprachen mit einer 94-jährigen Seniorin aus Wolfhagen. 

An ihre Kindheit erinnert sich Ingeborg Thal noch genau. Auch wenn die 94-Jährige während des Krieges aufgewachsen ist, so hatte sie immer ein schönes Osterfest, erzählt sie. An sonnigen Festtagen sei das Ende des Zweiten Weltkrieges in Sicht gewesen und man schöpfte neue Hoffnung, erinnert sich die Seniorin.

Geboren und aufgewachsen ist Ingeborg Thal in Weinböhla (Sachsen) bei ihren Großeltern. „Wir hatten einen großen Garten, mit viel Grünfläche.“ Bei schönem Wetter habe sie, wie auch heute, die Ostereier im Garten gesucht, erzählt sie. Aber die bunten Eier waren natürlich alle von Hand gefärbt: „Gefärbte Eier gab es damals natürlich nicht im Geschäft zu kaufen.“ Mit Zwiebelschalen hat die Familie damals die Eier gefärbt und anschließend mit einer Speckschwarte poliert, „damit die schön glänzten.“

Während des Krieges gab es sicherlich keine ausgelassene Stimmung, doch die Festtagsrobe wurde immer aus dem Schrank geholt und getragen, erzählt Ingeborg Thal. Meist ein schlichtes Kleid. Doch in die Kirche ging es natürlich nicht. „Meine Großeltern sind christlich erzogen worden, ich auch – doch die Kirche war damals selbstverständlich nicht gefragt.“ Doch gerade wenn die Zeiten schwierig sind, sei es wichtig, zusammenzukommen und an traditionellen Bräuchen festzuhalten, sagt sie.

Hungern musste sie an Festtagen nie. „Damals hat jeder versucht vorzusorgen, der eine hatte Kaninchen im Stall, der andere Hühner im Garten“, sagt Ingeborg Thal. Gegenseitig habe man sich ausgeholfen.

Kurz nach dem Krieg, in der russischen Besatzungszone, habe sich das Osterfest natürlich gewandelt. „Es ging immer mit dem Leiterwagen ins Grüne“, blickt die Seniorin zurück. Für sie waren die Feiertagsausflüge der Höhepunkt. „Oft ging es damals zum Schloss Moritzburg, und es gab Kaffee und Kuchen“, sagt sie. Solche Ausflüge fänden heute kaum noch statt, bedauert sie. Doch nicht nur das vermisst die Seniorin heute, auch die Gemeinschaftlichkeit: „Früher war es selbstverständlich, dass die ganze Nachbarschaft zusammenkam und gemeinsam gegessen hat.“

Ihr Leibgericht zu Ostern damals: Lamm. Das würde sie noch heute gerne essen, doch die Zähne machen nicht mehr mit. Als Ingeborg Thal mit 13 Jahren zu ihrem Vater zog, half sie in dessen Gastronomie mit. Ihr Vater sei mit einem damaligen Kommandeur, der passionierter Jäger war, befreundet gewesen. „Das geschossene Wild haben wir dann in unserem Restaurant angeboten“, sagt sie.

Damit habe die Familie großes Glück gehabt. Denn insbesondere zu den Osterfeierlichkeiten sei im Restaurant Hochbetrieb gewesen. Mit dem geschossenen Wild konnte die Familie À-la-carte-Essen anbieten. „Die Gäste waren meist hoher Besuch aus Russland“. Dazu reichte die Familie sogar noch frischen Spargel, damals ein Privileg, das nicht jedem vergönnt war, sagt sie.

Heute lebt Ingeborg Thal im Seniorenwohnheim in Wolfhagen und freue sich schon auf ein harmonisches Osterfest mit den Bewohnern.

Quelle: HNA

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