Plötzliche Panikattacken sind Symptome einer schweren Erkrankung der Seele

Angst beherrscht das Leben

Sie sind zuständig für betreutes Wohnen: von links Julia Hrycak, Silke Entzeroth und Tina Schmidt, Sozialpädagoginnen des Psycho-Sozialen Zentrums Schwalm-Eder-Nord (PSZ) in Homberg. Foto: Mangold

Homberg. „Ich hatte das Messer am Hals sitzen“ – wenn Claudia B. (Name von der Redaktion geändert) die Geschichte ihres Lebens erzählt, ist es der Satz, bei dem sie auch heute noch, ein Vierteljahrhundert nach dem brutalen Überfall durch ihren Ex-Mann, tief Luft holen muss.

Dass sie darüber sprechen kann, verdanke sie einer speziellen Angst-Therapie, bei der sie ihr Trauma aufgearbeitet habe. Trotz Therapien und Klinikaufenthalte bestimmen Ängste ihren Alltag. Seit der Tat leidet sie unter Panikattacken und Depressionen. Posttraumatische Belastungsstörung heißt die medizinische Bezeichnung für das Krankheitsbild der Seele.

„Ich dachte, er bringt mich um.“

Claudia B.

Sie sei früher nie ängstlich gewesen, erinnerte sie sich. Ihren Mann lernte sie vor mehr als 25 Jahren über eine Zeitungsannonce kennen. Nach kurzer Zeit waren sie verheiratet. Seine kriminelle Vergangenheit war der damals 27-Jährigen bekannt, aber sie glaubte seinen Lügen, glaubte an das Gute: „Ich dachte, er ändert sich.“

Nach wenigen Monaten Ehe überfiel er sie zu Hause mit einem Messer und vergewaltigte sie. „Ich dachte, er bringt mich um“. Sie kam ins Krankenhaus und von dort ins Frauenhaus. Um vor Gericht aussagen zu können, brauchte sie Medikamente und Begleitung. Die Ehe wurde annulliert. „Wenn ich Dich finde, bringe ich Dich um“, sagte er zu ihr. Seitdem befindet sich Claudia B. auf der Flucht. Als er sie in einem Frauenhaus aufzustöbern droht, zieht sie um. Inzwischen wohnt sie alleine in einer Wohnung, braucht aber die regelmäßige Betreuung durch den Psychosozialen Dienst.

Das Haus kann sie alleine nicht verlassen. Laute Geräusche, der Straßenverkehr und viele Menschen machen ihr Angst. Einkaufen, zum Arzt gehen, Ämter aufsuchen – all das geht nur in Begleitung. Selbst wenn sie mit einem Freund in einem Café sitzt, hält sie es nicht lange aus.

Eine neue Partnerschaft einzugehen sei für sie undenkbar. Wenn sich ein fremder Mann neben sie setze, achte sie auf einen Mindestabstand. Neben den täglichen Ängsten leidet sie unter Panikattacken, die sie unvorhersehbar anfallen. Plötzliches Herzrasen, Zittern, Schwitzen und ein roter Kopf sind die Symptome.

Zunächst habe sie gar nicht gewusst, was das sei, erzählte sie. Heute weiß sie, dass es ein Ausdruck ihrer Angst ist und hat gelernt, damit umzugehen, auch ohne Medikamente. Wenn sie nachts eine Panikattacke bekomme, stehe sie auf und spiele Karten, bis die Attacke vorbei geht. Fühlt sie sich sehr traurig oder antriebslos, ruft sie Freunde an und lenkt sich ab. Täglich trainiert sie, um ihre Ängste zu überwinden. Ein Bonbon im Mund helfe ihr dabei. Auch nach unten zu gucken und an etwas Schönes zu denken, helfe, die Angst in Schach zu halten.

Auf kleine Fortschritte ist sie stolz. Kürzlich schaffte sie es sogar, den kurzen Weg von der Post nach Hause allein zu gehen – den Blick fest auf den Boden geheftet und mit einem Bonbon im Mund.

Von Bettina Mangold

Quelle: HNA

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