Erinnerungen an Freyherrn Adolf Knigge: Geschichten und Musik im Rathaus

Anstandspapst kam nie an

Eingespieltes Trio: (von links) Manfred Ochs (als Lavater), Dr. Richard Gronemeyer (Knigge) und Dr. Ulrich Skubella (Pianist). Foto: privat

Fritzlar. Adolph Knigge gilt als Anstandspapst. Sein 1788 erschienenes Buch „Über den Umgang mit Menschen“ war ursprünglich als Aufklärungs- und Erziehungsbuch gedacht und sollte vor allem die soziale und politische Ausbildung des bürgerlichen Individuums fördern. In Fritzlar gedachte man dem Freyherrn Knigge jetzt mit einer besonderen Veranstaltung.

Freyherr Knigge in Gestalt seines im Stile der Zeit kostümierten Darstellers Dr. Richard Gronemeyer fuhr standesgemäß mit einer Kutsche vor dem Rathaus vor. Dort nahm er die Huldigungen des Publikums entgegen. Er wurde begleitet von seinem Adlatus Manfred Ochs, der Knigges Zeitgenossen und Intimfeind Lavater spielte.

Die Idee dazu kam von Dr. Richard Gronemeyer. Er war bei Internetrecherchen auf einen Beitrag von Manfred Ochs gestoßen. Als Mitglied der Fritzlarer Stadtführergilde hatte sich dieser mit Knigges Reise nach Fritzlar befasst.

Freiheit und Gleichheit

Seitdem beschäftigt sich Gronemeyer mit dem Leben des Freyherrn. Schnell wurde ihm klar, dass Knigge nicht auf die Empfehlungen zum sozialen Zusammenleben reduziert werden dürfe, die er in seinem Werk beschreibt. Damit würde man ihm nicht gerecht, meint Gronemeyer.

Knigge begeisterte sich für die Ideen der französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Dabei geriet er häufig in Konflikte mit der Obrigkeit.

Im ersten Teil der Veranstaltung beschrieb Gronemeyer das Leben des immer zu deftigen Späßen und witzigen Einfällen aufgelegten Edelmannes, der sich damit aber nicht immer das Wohlwollen seiner spießigen Zeitgenossen zuzog.

Passend zu den Textpassagen spielte Dr. Ulrich Skubella am Flügel Musik von Ludwig van Beethoven, einem Geistesverwandten Knigges. In der Mehrzahl waren es Stücke, die Beethoven „Bagatellen“ genannt hat.

Im zweiten Teil traten dann der Freyherr Knigge und der Schweizer Geistliche und Gelehrte Johannes Lavater vor das Publikum. Lavater hatte eine Schrift „die Reise nach Kopenhagen“ verfasst, die Knigge zu einer parodistischen Replik („Reise nach Fritzlar“) veranlasste.

Zunächst zitierte Manfred Ochs als Lavater gekonnt salbungsvoll näselnd die Banalitäten aus der Lavater-Schrift, darauf kam Knigges Replik, mit der er auf Lavater Bezug nahm, diesen frömmelnden und selbstgerechten Mann verulkend und verhöhnend.

Die Zuhörer mussten ihre Ohren spitzen, denn die Sprache des frühen 19. Jahrhunderts ist doch anders als das Deutsch, das wir heute sprechen. Übrigens kam der Reisende Knigge nie in Fritzlar an. Die katholische Stadt war damals, umgeben von einem evangelischen Umland, in einer desolaten Situation und für Knigge ein Ort der Reaktion. (may)

Quelle: HNA

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