Kontrollen, Prüfungen, Vorgaben

Apotheken im Wolfhager Land haben mit viel Bürokratie zu kämpfen

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Hier werden Rezepturen hergestellt: Natalja Jakunin (rechts) lernt den Beruf der Pharmazeutisch-Technischen-Assistentin (PTA) in der Sonnen-Apotheke in Wolfhagen. Hier im Bild mit ihrer Chefin Apothekerin Christine Schubert.

Wolfhagen. Nicht alles, was Ärzte verordnen, gibt es als fertiges Medikament. Oft werden in Apotheken die Wirkstoffe erst zu Präparaten verarbeitet - ein aufwendiger Prozess.

Die Rezepturen werden in einem aufwändigen Procedere hergestellt. Jeder Schritt wird protokolliert. Dazu gibt es das sogenannte Herstellungsprotokoll. „Und alles wird einer Plausibilitätsprüfung unterzogen“, erklärt Apothekerin Christine Schubert von der Sonnen-Apotheke in Wolfhagen.

Die PTA-Praktikantin Natalja Jakunin (21) steht dafür Tag für Tag in der Rezeptur der Apotheke. Zweieinhalb Jahre dauert ihre Ausbildung, die Fachschulkosten zahlt sie selbst. Um das alles zu stemmen, musste sie nebenher jobben. In der Rezeptur mischt sie Pulver, Salben, Inhaltsstoffe für Kapseln, Teemischungen, Augentropfen und andere Rezepturen. Aber warum eine Plausibilitätsprüfung? „Wir müssen kontrollieren, ob das, was auf dem Rezept verordnet ist, sinnvoll ist“, sagt Christine Schubert. Die Dosierungen müssen kontrolliert werden, denn auch Ärzte können sich mal irren, und manche Substanzen dürfen auch gar nicht zusammen verarbeitet werden.

Test: Natalja Jakunin überprüft im Labor Inhaltsstoffe.

„Dabei müssen wir auch sehen, wie wirtschaftlich eine Rezeptur ist. Jede Chemikalie, die hier eingekauft wird, muss geprüft werden“, sagt Schubert. Im Jahr 2014 haben die öffentlichen Apotheken in Hessen 983 960 Rezepturen für Versicherte der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) hergestellt. Dies ermittelte das Deutsche Arzneiprüfungsinstitut (DAPI) durch die Auswertung von Verordnungen. Der bei der Anfertigung entstehende Aufwand übersteigt allerdings bei weitem die jetzige Vergütung. „Diese muss daher dringend angehoben werden“, fordert der Hessische Apothekerverband. Dass der Aufwand und teurere einzelne Bestandteile mancher Rezeptur in keinem Verhältnis zur Vergütung steht, weiß auch Apothekerin Christine Schubert. Ohnehin sei der Beruf des Apothekers durch die überbordende Bürokratie ein ganz anderer geworden. In der Sonnen-Apotheke arbeitet nur Fachpersonal. Auch das müsse so ein Unternehmen stemmen.

„Seit fünf Jahren suche ich einen Apotheker zur Unterstützung und finde keinen“, sagt Schubert. Denn bei aller Liebe zu ihrem Beruf hat sie auch jede neunte Nacht Dienst und das seit fast 40 Jahren. „Aufs platte Land und die vielen Notdienste übernehmen will kaum einer“, sagt Schubert. Eine weitere große Hürde im Apotheken-Alltag sind die Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Pharmaindustrie sowie die häufige Nichtverfügbarkeit eines Rabattarzneimittels. „Wir stehen oft minutenlang vor dem Monitor und suchen das entsprechende Medikament. Und die Kunden wundern sich, warum wir so lange auf den Monitor starren“, sagt Schubert. Immer wieder bekommen Patienten ein Medikament eines anderen Herstellers, zwar mit gleichem Wirkstoff, aber in einer anderen Verpackung oder mit anderem Namen. Dies verwirrt besonders ältere Menschen.

„Es ist schade, dass durch diese Formalien so viel Zeit verloren geht.“ Dabei ist Naturheilkunde ihr Steckenpferd. „Aber dafür habe ich kaum noch Zeit“, erklärt Schubert. Dennoch seien sie und ihre Mitarbeiterinnen nah am Kunden. Und das soll auch so bleiben.

Quelle: HNA

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