Die Arbeit des Lehrers ist mehr als ein Job

Treysa. Dr. Helmut Bernsmeier geht in den ruhestand. Aus diesem Anlass haben wir mit ihm gesprochen.

Sie dachten mal an eine wissenschaftliche Karriere, waren Sie dennoch gern Lehrer?

Dr. Helmut Bernsmeier: „Ja! Ich unterrichte unheimlich gern. Der enge Kontakt mit Kindern und Jugendlichen liegt mir, meistens hatte ich es in den letzten Jahren mit älteren Schülern zu tun, da ich überwiegend Oberstufenunterricht gegeben habe.“

Sind die Schüler heute „schlimmer“ als früher?

Bernsmeier: „Überhaupt nicht. Es gibt Unterschiede in den Schülergenerationen. Von den heutigen Schülern wird viel erwartet, zum Beispiel eine hohe Flexibilität. Ich traue ihnen viel zu.“

Aber viele kritisieren die jungen Leute.

Bernsmeier: „Schon die Ägypter meißelten in Stein, dass die Schüler verkommen und desinteressiert seien, und Lehrer haben schon immer beispielsweise über Faulheit und Unpünktlichkeit geklagt, aber da ist nichts schlechter geworden.“

Wo sind dann die Unterschiede?

Bernsmeier: „Junge Menschen beherrschen beispielsweise die neuen Medien, außerdem gehen sie mit momentanen gesellschaftlichen Herausforderungen pragmatisch um. Was nachgelassen hat, ist das politische Interesse. Jugendliche gehen soziale Beziehungen ein und engagieren sich heute an anderen Orten, etwa in der Feuerwehr oder beim Roten Kreuz. Die Jugendlichen haben begriffen, dass Bildung zu einem Erfolgsfaktor geworden ist, deshalb bei vielen die ausgeprägte Leistungsorientierung.“

Raten Sie dazu, Lehrer zu werden?

Bernsmeier: „Ja, der Beruf ist hochinteressant. Man muss aber die Bereitschaft mitbringen, sich mit Kindern und Jugendlichen auseinander setzen zu wollen und das Gespür für die Erwartungen der Schüler haben. Wer die Arbeit des Lehrers nur als Job begreift, hat den falschen Beruf ergriffen.“

Wie stehen Sie zur Ganztagsschule?

Bernsmeier: „Für einige Kinder wäre eine umfassende Nachmittagsbetreuung wünschenswert. Unser AG-Angebot an der Schule ist aber auch schon sehr vielfältig. Leider fehlt für den Sport der Platz, die Halle ist ständig, auch nachmittags, mit Klassen und Kursen belegt, weshalb es kaum Möglichkeiten gibt, das sportliche AG-Angebot auszuweiten. In der Klasse 7, wenn bei uns der reguläre Nachmittagsunterricht beginnt, ist die Belastung für viele Kinder aber fast untragbar, besonders, wenn noch der Konfirmationsunterricht hinzu kommt.“

Auch bieten Sie die Möglichkeit einer Musikförderung z. B. in Musikklassen an.

Bernsmeier: „Ja, in Zusammenarbeit mit der Musikschule des Kreises. Da wird sehr viel Disziplin erwartet, Nachmittage sind in den unteren Klassen für die Musik reserviert. Die Kinder bekommen Instrumentalunterricht und müssen eine weitere Unterrichtsstunde Musik belegen. Sehr viel hängt immer davon ab, was die Eltern mittragen, ob sie ihre Kinder beispielsweise abholen können, wenn keine Busse fahren.“

Immer mehr Kinder machen heute Abitur, finden Sie das gut?

Bernsmeier: „Eins von drei Kindern geht inzwischen aufs Gymnasium. Ich freue mich, wenn jeder intelligente Schüler die Chance aufs Abitur hat. Ich weiß nicht, ob es über 35 Prozent eines Jahrgangs schaffen können, jedenfalls bin ich dagegen, die jetzige Quote zu senken. Wir benötigen in Deutschland mehr gut ausgebildete Jugendliche, dafür setzt sich auch der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Prof. Peter Gruß, ein ehemaliger Schwalmschüler, ein.“

Und wie denken Sie übers Sitzenbleiben?

Bernsmeier:„Ich bin für das Fördern, nicht für das Sitzenbleiben, manchmal ist es aber doch sinnvoll, eine Klasse zu wiederholen. Ohne die Hilfe der Eltern beim Lernen sind wir in vielen Fällen machtlos. Kinder benötigen neben der schulischen Förderung auch die Unterstützung durch das Elternhaus.

Ganz klar spreche ich mich dagegen aus, schwache Schüler umgehend zu selektieren. Eine Krise in der Schule darf nicht gleich zu einem Bruch in der Schullaufbahn führen.“

Was möchten Sie Ihrem Nachfolger besonders ans Herz legen?

Bernsmeier: „Auf die Jungen zu achten. In meiner Anfangszeit hielten sie sich die Waage mit den Mädchen. Ich habe das Kultusministerium schon vor Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass der Anteil der Jungen auf dem Gymnasium immer stärker zurückgeht. Mehr als zwei Drittel der Abiturienten sind inzwischen Schülerinnen.“

Was kann Schule da tun?

Bernsmeier: „Die Lösung ist schwer. Lehrer müssen im Umgang mit diesem Problem geschult werden und einen Blick für die Bedürfnisse der Jungen entwickeln, trotz aller Freude über die hohe Mädchenquote. Das übermäßige Computerspielen bringt den Jungen Probleme beim Lernen. Aber inzwischen glaube ich, dass bestimmte Verhaltensweisen Jungen in die Wiege gelegt sind, die aber nicht nachteilig bewertet werden dürfen. Im Grunde müssen sie verstanden und möglichst in produktive Aktivität umgesetzt werden.“

G8, die verkürzte Gymnasialzeit, ist ein Dauerthema. Was sagen Sie?

Bernsmeier: „Der Start in Hessen war sehr schlecht, es gab eine mangelhafte Vorbereitung seitens des Ministeriums. In der Klasse 9 des ersten G8-Jahrgangs blieben zu viele Schüler auf der Strecke, gingen zu viele ab. Im Schnitt klappt es inzwischen gut. Ein Zurück wird es in Deutschland wohl nicht geben.“

Was hätte besser sein können?

Bernsmeier: „Mein Vorschlag war vor Jahren, das Jahr nicht in den Klassen 5 bis 9, sondern durch eine zwei- statt eine dreijährige Oberstufe einzusparen, mit Option auf die Wiederholung eines Jahres. Ich weiß, dieses Modell ist umstritten, wird aber immer noch politisch gefordert. Für ist eine weitere grundlegende Reform es aber jetzt, glaube ich, zu spät. Ein Skandal ist für mich, dass Schülern am Ende der 9. Klasse die Mittlere Reife verwehrt wird. Da muss in Deutschland, nicht nur in Hessen, umgedacht werden. Eine gesetzliche Änderung ist dringend geboten.“

Quelle: HNA

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