Nur 200 Euro im Monat – Trotz geringer Rente keine Chance auf finanzielle Hilfe

Armut im Haus nebenan

Weniger als 200 Euro im Monat für Lebensmittel und Haushalt: Viele Rentner im Altkreis Wolfhagen kommen mit ihrer Rente nicht aus, bekommen aber auch keine finanzielle Unterstützung vom Staat. Foto: dpa/Archiv

Wolfhager Land. Ihre Winterjacke ist ein Geschenk der Schwester. Ihre neuen Halbschuhe hat ihr der Sohn letzte Woche gekauft – nachdem sie nach einem Spaziergang nasse Füße hatte. Denn ihre Schuhe waren schon zwölf Jahre alt. Elisabeth Müller (Name von der Redaktion geändert) ist 66 Jahre alt und kann sich neue Schuhe nicht leisten, denn sie hat nicht genug Geld.

„Die Leute sagen immer, in Deutschland gibt es keine Armut, aber das stimmt nicht“, sagt Müller. Die Leute sagen auch, man könne ja Geld vom Staat bekommen. Elisabeth Müller jedoch nicht. Denn ihre Rente von 650,13 Euro liegt mit 99,80 Euro über der Grenze, um Grundsicherung beantragen zu können. „Ich habe schon dreimal über Anwälte versucht, Zuschüsse zu bekommen, aber das wurde alles abgewiesen“, sagt sie. Das heißt: Nachdem alle Kosten abgezogen sind, bleiben ihr 200 Euro im Monat fürs Leben. Manchmal weniger. Und dabei wohnt Elisabeth Müller in einem kleinen Haus. Das hat sie von ihrem Ersparten gekauft. Es war billiger, als zur Miete zu wohnen. Trotzdem muss sie den Kredit für die Renovierung noch abzahlen. Denn das Haus hat sie nur so günstig bekommen, da es marode war.

Nach Schlaganfall in Rente

Im Wohnzimmer von Elisabeth Müller hängen Fotos. Eine hübsche junge Frau auf einem Schwarzweiß-Bild von 1960: „Das bin ich mit Farah Diba-Frisur.“ Farah Diba war die dritte Frau des Schah von Persien und alle hätten diese Frisur gehabt. Das war vor 42 Jahren. In der Zwischenzeit hat Müller viel durchgemacht. Eine schlimme Ehe, eine noch schlimmere Scheidung und dann 2003 ein Schlaganfall. Danach war sie zwei Jahre krank geschrieben. „Ich wollte aber, dass die Ärztin mich für arbeitsfähig erklärt, das hat sie dann auch, und das war ein Fehler“, sagt Müller heute. Denn trotz Wiedereingliederung konnte sie nicht mehr arbeiten und ging dann mit 60 Jahren in Rente. Die Folgen spürt sie jetzt, denn sie bekommt vom Staat keinerlei Hilfe.

Eine Bekannte kommt manchmal vorbei, wenn es ihr körperlich schlecht geht. Denn Müller hat eine seltene Krankheit. „Auch die Nachbarn hier sind sehr nett und bringen mir manchmal Zwetschgen oder Äpfel, die ich einkochen kann.“

Mehr Kontakt als zu ihren Kindern hat Elisabeth Müller aber nicht. Denn Ausflüge oder Treffen mit ehemaligen Arbeitskollegen sind einfach zu teuer. „Die treffen sich ja im Café oder in einer Kneipe in Kassel, und das Geld für Essen und Getränke habe ich nicht über.“ Einmal hätten Arbeitskollegen für sie gesammelt, für die Fahrt nach Kassel und fürs Essen. „Da war ich einmal, aber das war mir so peinlich, da bin ich dann nicht nochmal hin.“

Elisabeth Müller schämt sich, obwohl sie für ihre Situation nichts kann. Der einzige Lichtblick in ihrem täglichen Leben ist ihr Hund. „Den habe ich seit fünf Jahren und ohne ihn wäre ich ganz alleine.“ Fünf Euro im Monat gibt sie für ihn aus – für sein Futter.

Von Nicole Flöper

Quelle: HNA

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