Atomare Drohkulisse: Erinnerungen an die aktiven Zeiten der US-Kaserne bei Rörshain

Rörshain. Was 30 Jahre vor dem Wald bei Rörshain lagerte, sorgte bei den Schwälmern vor allem für Gerüchte – aber auch Angst. Von 1962 bis zum Abzug 1992 war das 7th US-Field-Artillerie-Detachment dafür verantwortlich, die atomare Drohkulisse gegen den Ostblock aufrecht zu erhalten.

Rainer Roppel aus Treysa, ein ehemaliger Unteroffizier der Bundeswehr, bewachte elf Jahre lang das Areal. Er erinnert sich. „Damals habe ich einfach meinen Auftrag erfüllt“, sagt Roppel. Viele Gedanken über das, was hinter den schwer gepanzerten Toren der Erdbunker lagerte, habe er sich nicht gemacht. „Welche Folgen eine Verstrahlung hat, war damals noch nicht so bekannt. Erst später habe ich darüber nachgedacht, was das bedeutete“, sagt der Pensionär. Als Angehöriger der Begleitbatterie hatte er von 1971 bis 1982 den Stützpunkt gemeinsam mit Soldaten der US-Army bewacht. 60 Soldaten waren rund um die Uhr vor Ort.

Dass mit den US-Militärs am 9. Mai 1962 Atomwaffen nach Schwalmstadt gekommen waren, war jahrzehntelang ein offenes Geheimnis. Sie sollten dazu dienen, einen seinerzeit befürchteten Angriff durch die Ostmächte zu verzögern. „Mit ihrer Stärke wären die Truppen des Warschauer Paktes in wenigen Stunden nach Bonn durchmarschiert. Idee unserer Führung war es, mit taktischen Kernwaffen eine mögliche Invasion zu bremsen“, sagt Roppel.

Über den Geschehnissen am Waldrand bei Rörshain liegt bis heute ein Mantel des Schweigens. „Wir durften nichts sagen“, erinnert sich der Oberstabsfeldwebel a. D.. Auch hätten er und seine deutschen Kameraden nie erfahren, ob die Atomwaffen tatsächlich echt waren. „Viele militärische Bewegungen deuteten aber schon damals darauf hin.“ US-Hubschrauber seien gelandet, hätten Material verladen und gebracht.

Erinnerungen an die aktiven Zeiten der US-Kaserne bei Rörshain

Obwohl Roppel viele Jahre lang nur 300 Meter entfernt von den Atomwaffen-Bunkern zu Bett ging, bekam er nie einen richtigen Einblick in die US-Strategie. Während die Bundeswehrsoldaten den äußeren Ring um die Bunker sicherten, war der innere Bereich US-Hoheitsgebiet. „Kein Deutscher durfte ohne Begleitung eines Amerikaners auf das Terrain“, erinnert sich Roppel. „Im inneren Bereich galt die Zwei-Mann-Regel – niemand durfte sich alleine bewegen. Damit keiner auf dumme Gedanken kommt.“

Die Anlage schien wie eine Festung: Drei Zaunreihen mit messerscharfem Nato-Draht, Panzersperren, Wachpatrouillen mit Hunden, Videokameras und Lichtschranken, die jede Bewegung in den Kontrollturm meldeten.

Es war eine trügerische Sicherheit, wie sich bei einer Übung mit einer britischen Spezialeinheit herausstellte. Die hätten die Kaserne samt Atomwaffen in wenigen Minuten eingenommen, erzählt Roppel. Rückblickend könne man sich darüber so seine Gedanken machen. Aber nicht nur die strengen Vorschriften sind ihm aus der Zeit mit der US-Einheit in Erinnerung. „Es wurde viel gefeiert. Die Amerikaner waren schwer in der Disko Hazienda unterwegs.“ In den 30 Jahren ihrer Stationierung seien Freundschaften und auch Ehen entstanden.

Am Ende aber bleibt Roppel eine beklemmende Erkenntnis: „Das waren Fünf-Kilotonnen-Bomben. Bei einem Einsatz wäre hier vermutlich alles verstrahlt gewesen.“

Quelle: HNA

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