Atomwaffenlager bei Rörshain: Drohkulisse und Ort für Freundschaften 

Viel erlebt: Links sind Daum und Sanchez 1990 mit einem Boot vor Catalina Island unterwegs (vor L. A.). Rechts: Sanchez in der Treysaer Kaserne. Oben: Gemeinsamer Urlaub 2010 am Lake Havasu (Arizona). Fotos: nh

Schwalmstadt. Vor Kurzem berichteten wir über das Atomwaffenlager Rörshain, aus dem vor 20 Jahren die letzten US-Soldaten abgezogen wurden. Was als Drohkulisse gegen die Ostmächte gedacht war, wurde auch zum Ort für Freundschaften. Reaktionen von Lesern belegen dies. Wir stellen eine dieser Freundschaften vor.

Das Atomwaffenlager Rörshain ist ein Relikt des Kalten Krieges. Umso lebendiger ist die Freundschaft zwischen Ralf Daum (41) und dem Kalifornier Edgar Leonel Sanchez (43), der als US-Soldat drei Jahre lang bis 1992 in der Kaserne Rörshain seinen Dienst tat. Bis heute sind die beiden Männer befreundet - sie nennen sich Brüder.

Es war von Anfang an eine ungewöhnliche Freundschaft: Daum und Sanchez lernten sich 1989 in der Treysaer Diskothek Hazienda kennen. „Es war ein Donnerstag. Da lief Hardrock. Amis kamen an diesen Abenden selten, die hatten wenig Interesse an Rock“, sagt Daum. Noch weniger Interesse hätten sie an den deutschen Soldaten gehabt - eher schon an deutschen Frauen.

Edgar Leonel Sanchez war dennoch an diesem Abend da und scheute auch den Kontakt zu den Deutschen nicht. Ein gemeinsamer Freund stellte die Unteroffiziersanwärter einander vor.

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Ralf Daum konnte seinerzeit kaum Englisch sprechen. „Wir haben mit Händen und Füßen geredet: Wo wir her kommen und so weiter.“ Daum hat seine Wurzeln in der Region. Er stammt aus Momberg (Neustadt), seine Frau Barbara ist Ascheröderin. Sanchez ist aus Chino Hills in der Nähe von Los Angeles. Was in der Hazienda mit einer Unterhaltung unter E-Gitarren-Krach und Disco-Licht begann, hält bis heute: Regelmäßig besuchen sich die Familien, die beiden Väter haben gegenseitig die Patenschaft für ihre Töchter übernommen.

Nicht immer aber stand die Freundschaft unter optimalen Vorzeichen. Daum erinnert sich noch gut an die Zeiten, als Sanchez in Schwalmstadt stationiert war. „Es hat lange gedauert, bis ich von seinen amerikanischen Kameraden akzeptiert war. Das war eine eingeschworene Clique. Die wollten nicht, dass er so oft mit Deutschen abhängt.“

Bilder: Erinnerungen an aktive Zeiten der US-Kaserne

Erinnerungen an die aktiven Zeiten der US-Kaserne bei Rörshain

Nach und nach gewann Daum das Vertrauen der US-Soldaten. Er besuchte seinen Freund Sanchez in dessen Unterkunft in der Harthberg-Kaserne und brachte Pizza an seinen Arbeitsplatz im Atomwaffenlager. Obwohl alles streng geheim war, bekam er das ein oder andere aus Rörshain mit.

„Edgar hat mir erzählt, dass selbst die Amerikaner nicht wussten, wann scharfe Atomwaffen in Rörshain gelagert waren“, erzählt Daum. Hubschrauber und Lastwagen hätten regelmäßig die Munition ausgetauscht. Damit hätten die Ostmächte im Unklaren gelassen werden sollen, ob gerade scharfe Waffen oder Attrappen gelagert sind.

Als Sanchez 1992 aus Deutschland abgezogen wurde, fiel der Abschied schwer. Ihr Verhältnis war wie das von Brüdern geworden und so nannten sie sich auch.

20 Jahre später hält die Freundschaft noch immer. Gerade ist Daums Tochter Sophie-Luise für ein Jahr bei Sanchez. Sie besucht in Chino Hills die Highschool. Ralf Daum lebt mit seiner Familie mittlerweile in Aachen, wo er an einer Bundeswehrschule arbeitet.

Die Geschichte ihrer Freundschaft aus Schwalmstadt hat die beiden Männer auf eine Idee gebracht: Sie arbeiten derzeit an einer Internetseite, auf der sich Soldaten aus allen Nationen wiederfinden und austauschen können.

Kontakt: Ehemalige Soldaten können sich mit Daum und Sanchez über eine E-Mail austauschen: info@bw-k.de

Es war seine Heimat auf Zeit: Für drei Jahre war Edgar Leonel Sanchez (43) in Schwalmstadt stationiert. Inzwischen wohnt er 9253 Kilometer Luftlinie von der Schwalm entfernt in Kalifornien. Wir sprachen mit Sanchez über seine Jahre in Schwalmstadt und das Atomwaffenlager Rörshain.

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit der Schwalm?

Edgar Leonel Sanchez: Oh, wo soll ich da beginnen?! Die prägendste ist die Begegnung mit meinem besten Freund und Bruder Ralf. Seine Eltern sind genauso meine Eltern, seine Brüder sind meine Brüder. Die wertvollste Erinnerung ist die wundervolle Beziehung, die ich mit einem deutschen Mädchen hatte. Wir waren verlobt und hätten beinahe geheiratet. Es gab noch jede Menge andere Beziehungen mit Frauen, an die ich mich noch gut erinnere. Ich muss noch immer lächeln, wenn ich an diese großartige gemeinsame Zeit zurückdenke: Hazienda, Biergärten, Kirmessen – Wow! Ich liebte es, ein echter Teil der Schwalm zu sein.

Was war Ihr kuriosestes Erlebnis in Schwalmstadt?

Sanchez: Es gibt eine Menge tolle Geschichten und auch weniger tolle. Eine der witzigsten, die mir einfällt, passierte, als ich aus einem Haus die Straße runter flüchtete, weil der Vater eines Mädchens unerwartet nach Hause kam und mir eine ganze Weile mit einer Waffe hinterherjagte. Ralf wartete im Auto und er sah mich rennen, wie er mich niemals zuvor rennen gesehen hatte.

Erinnern Sie sich an die erste Begegnung mit Ralf Daum?

Sanchez: Absolut. Unser gemeinsamer Freund Pedro stellte uns einander vor. Ralf sprach nur schlecht Englisch und ich kein Deutsch. Unser Freund übersetzte. Nach jeder Menge Bier und Kümmerling merkten wir, dass wir mehr gemeinsam hatten als wir zunächst dachten: Wir liebten die Frauen, den Likör und unser Land.

Wieviel wussten Sie über die stationierten Nuklearwaffen?

Sanchez: Ich wusste alles über die Situation vor Ort. Aber es ist mir wegen der Geheimhaltungsstufe weder erlaubt, über das zu sprechen, was wir dort gemacht haben noch über nukleares Material oder Waffen.

Quelle: HNA

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