Kriegerdenkmal stand dort seit 1924

Tankstelle auf dem Paradeplatz: heute unvorstellbar, früher geplant

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Die Weinende: Das Standbild erinnert an die Toten des Ersten Weltkriegs, es wurde 1924 auf dem Kleinen Paradeplatz eingeweiht (Foto) und blieb dort bis in die 70er-Jahre. 1957 hätte es fast einer Tankstelle Platz machen müssen. 

Ziegenhain. Wie sehr sich Sichtweisen innerhalb von 60 Jahren verändern können, belegt ein Vorhaben, das die Ziegenhainer Lokalpolitik 1957 bewegte.

Auf dem historischen Kleinen Paradeplatz sollte eine Tankstelle entstehen. Die aus heutiger Sicht possenhafte Geschichte fischte die Historikerin Dr. Simone de Santiago Ramos bei einer Recherche aus dem Marburger Staatsarchiv. Sie entdeckte mehr oder weniger zufällig Unterlagen, dass der Magistrat der Stadt Ziegenhain 1957 das Gesicht dieser Anlage "komplett und wohl auch für immer zu ändern" beabsichtigte. Hintergrund: In jenem Sommer war die erst zwei Jahre zuvor gegründete Volks-Kraftstoff GmbH (VK) von Georg Opel an Ziegenhain herangetreten mit der Absicht, eine Tankstelle zu eröffnen.

Opels erste VK-Tankstellen befanden sich zunächst im Rhein-Main-Gebiet mit einem bewusst niedrig gehaltenen Preis, um billiges Benzin zu verkaufen. Mindestens 400 Quadratmeter suchte das Frankfurter Unternehmen, 35 Meter Straßenfront aufwärts sollte es bieten. Opel lockte mit Pacht- und Steuereinnahmen, aber auch damit, "gerade den wirtschaftlich schwächeren Bevölkerungsschichten die Haltung eines Kraftfahrzeugs zu erleichtern oder gar ermöglichen".

Der Gedenkstein des letzten Festungsgouveneurs Schenck zu Schweinsberg steht seit einiger Zeit auf dem Kleinen Paradeplatz (Bild links). Dort war die Tankstelle geplant. Historikerin Simone de Santiago Ramos (rechts) begeistert sich für Schwälmer Geschichte und ist die Betreuerin des Archivs am Zeughof in Ziegenhain.

Zuerst bot die Stadt Grund an der heutigen Hessenallee, etwa Höhe Polizei, an, aber das sagte den Frankfurtern nicht zu. So kam es dazu, dass die Stadt den Kleinen Paradeplatz in Aussicht stellte, auf dem seit 1924 das Kriegerdenkmal aus dem Ersten Weltkrieg stand. Nahezu handelseinig sollte im September 1957 Vertragsunterzeichnung sein, zunächst für zehn Jahre, Jahrespacht 1000 DM.

Erst eine interfraktionelle Besprechung brachte den fahrenden Zug kurz davor zum Halten, fand Dr. de Santiago Ramos heraus, Lokalpolitiker erkannten, dass man die Tankstelle "mit Rücksicht auf den historischen Wert der Umgebung dieses Platzes" besser doch ablehnen sollte.

Trotzdem habe sich der Magistrat schon einmal nach einem anderen Platz für die "Weinende Frau", heute Julius-Paulus-Anlage, umgesehen. Aber wenige Tage später machte die VK einen Rückzieher, 1000 DM Pacht mit Vorauszahlung für das Grundstück war ihr dann doch zu teuer, höchsten 800 DM seien drin. Aber unter den Stadtverordneten hatte sich zwischenzeitlich doch ein gewisser Widerstand gegen das gesamte Projekt gebildet, so ließ auch der Magistrat am 16. Dezember 1957 davon ab.

Opel verkaufte in 1969 seine Volks-Kraftstoff GmbH an Conoco aus den USA. Die Weinende musste trotzdem später aus der Festungsmitte weichen, sie steht seit den Siebzigerjahren am Friedhof.

Quelle: HNA

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