Berufliche Umschulung 

Kochkünste im Knast: Der aufregende Prüfungstag für die Häftlinge in Ziegenhain

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Die Zeit läuft: Prüfling Graham S. (rechts) mit dem Gesellen Esta P. (links) und dem Küchenchef und Ausbilder Gerd Conradi. 

Ziegenhain. Zwei Jahre lang haben sieben Häftlinge in Ziegenhain auf diesen Tag hingearbeitet. Die schriftliche Prüfung ihrer Umschulung zum Koch haben sie schon bestanden, jetzt zeigen sie an den Töpfen, was sie gelernt haben.

"Am Anfang konnten manche Spargel und Brokkoli nicht unterscheiden", sagt Ausbilder und Küchenchef Gerd Conradi. Mittlerweile können sie ein anspruchsvolles Drei-Gänge-Menü auf die Teller bringen. Eine Chronologie des Prüfungstages:

8 Uhr: Der Tag beginnt für die Köche damit, einen Plan für den Arbeitsablauf zu erstellen. Aus einem Warenkorb durften sie sich vorher Zutaten aussuchen. Im Grunde bereiten alle eine Cremesuppe mit Schwarzwurzel, Rinderrouladen und Gefrorenes mit Äpfeln zu. "Aber wie sie das verfeinern, ist jedem selbst überlassen", sagt Conradi. Bei einem Rollenspiel stellen die Prüfer ein Gespräch mit Restaurantgästen nach. Einer sei Vegetarier, einer Allergiker und einer interessiere sich für die Herkunft des Fleisches.

9.10 Uhr: Mit zehn Minuten Verspätung beginnt der praktische Teil: Ab jetzt haben die Prüflinge vier Stunden Zeit. Nach Plan beginnen sie hinten, mit dem Dessert, denn das Eis braucht Zeit zum Frieren.

11 Uhr: Töpfe köcheln auf den Platten vor sich hin. Zeit für Conradi, seine Schützlinge zu beobachten: "Für viele ist es die erste Prüfung in ihrem Leben. Es sind zwar harte Kerle, aber sie sind schon nervös, wenn ich in die Gesichter gucke." Auch er selbst ist angespannt – schließlich spricht das Ergebnis auch für die Qualität seiner Ausbildung. Aber egal, wie fleißig und gut die Häftlinge vorher waren: "Die Prüfung ist wie ein Spiel im DFB-Pokal, da kann alles passieren."

12.40 Uhr: In der Küche kommt Hektik auf, leere Töpfe fallen hin. Prüfer Andreas Simon sagt: „Das ist ganz normal. Langsam wird es eng, sie merken, wo sie Zeit verloren haben.“ Häftling Esta P. war vor einigen Jahren in der gleichen Situation und kennt dieses Gefühl sehr gut, mittlerweile arbeitet er als Geselle und versucht, die Situation zu beruhigen: "Ich möchte die Angst und Spannung nehmen."

13.10 Uhr: Vier Stunden sind vorbei. Die Prüfer ziehen sich zurück, bekommen einen Teller serviert und beraten: Wie war die Planung, hat die Hygiene gestimmt, und ganz wichtig: Wie ist das Ergebnis? Schmeckt das Gericht, sieht es gut aus und könnte so verkauft werden? Prüfer Simon kommt gerne ins Gefängnis: "Ich habe das Gefühl, die wollen das wirklich." 

13.20 Uhr: Jetzt bekommen auch die geladenen Gäste Essen auf den Tisch. Währenddessen wird in der Küche aufgeräumt, Ausbilder Conradi steht mit einem Gläschen Dessert dabei.

14.15 Uhr: Häftlinge, Küchenteam und Prüfer kommen aus der Küche. Das Ergebnis: Alle haben bestanden! Die Urkunde werden sie von der Industrie- und Handelskammer bekommen – ohne einen Vermerk, wo sie die Ausbildung gemacht haben. Nicht alle werden ihre Chance nutzen, sagt Conradi: "Die Arbeitszeiten draußen schmeißen viele zurück." Häftling Graham S. ist überzeugt, dass er es schafft – er habe durch die Umschulung sein Hobby zum Beruf gemacht, sie ist für ihn der Einstieg in ein besseres Leben außerhalb des Knasts. "Alles hat heute perfekt geklappt, wie ich es haben wollte", sagt er. "Ich möchte mehr lernen, Fortbildungen machen, Erfahrungen sammeln und in der Küche arbeiten."

Quelle: HNA

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