Immer weniger Konfirmationen

Auswendiglernen und Selbstfindung: Zwei Wolfhager Ex-Konfirmanden berichten

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Erinnert sich gerne an seine Konfirmation zurück: Für den 16-jährigen Leon Krug ist die Stadtkirche Sankt Anna ein fester Bestandteil seines Lebens.

Wolfhagen. Immer weniger Jungen und Mädchen im Wolfhager Land werden konfirmiert. Zwei Wolfhager Ex-Konfirmanden berichten von ihren Erfahrungen: einmal positiv, einmal negativ.

„Nach der Konfirmation haben erst mal einige von uns eine Kirchenpause eingelegt. Nach einem halben Jahr sind aber viele meiner Freunde wieder regelmäßig in den Gottesdienst gekommen“, sagt Leon Krug. Der 16-Jährige wurde 2016 in der Wolfhager Stadtkirche Sankt Anna konfirmiert. Und er sagt: Die Bestätigung der Taufe und die damit verbundene Unterrichtszeit haben ihn in seinem Glauben bestärkt.

Religiös war der junge Wolfhager, der nun in der Jugendarbeit aktiv ist und als Betreuer bei Konfirmandentagen hilft, auch schon davor. Vor dem Abendessen gehört ein Tischgebet für ihn dazu, „wenn ich es nicht vergesse“, und er hat schon vor der Konfirmandenzeit im Chor von Kantor Bernd Geiersbach gesungen.

Krug: Konfirmation kann helfen, sich selbst zu finden

Bei der Konfirmation sind junge Protestanten in der Regel 14 Jahre alt – der zweijährige Unterricht findet also genau in der Zeit statt, wenn viele Jugendliche pubertieren. Für Leon Krug ist das kein Problem. Im Gegenteil. „In der Zeit versucht man, sich zu finden. Der Glaube ist ein Fels in der Brandung und kann dabei helfen, weil in der Kirche jeder so genommen wird, wie er ist.“ Das sei auch bei den Jugendlichen untereinander so, sagt der Schüler, der die 10. Klasse der Wilhelm-Filcher-Schule besucht und ab Sommer das Abitur anstrebt. „Bei uns war für alle klar, dass jeder seinen Glauben anders lebt und leben darf.“ 

Natürlich sei der eine oder andere eher wegen des Geldes gekommen oder weil es die Familie so gewollt habe. Doch egal, ob jemand besonders viel oder eher wenig geglaubt habe – das sei von allen akzeptiert worden. Leon Krug war es wichtig, dass er offiziell als Erwachsener in die Kirchengemeinde aufgenommen wurde und dadurch auch Pate werden kann.

Konfirmation hat in der Familie dazugehört

Fast ausschließlich negative Erfahrungen hat eine junge Frau aus dem Wolfhager Land gemacht, die 2009 konfirmiert wurde. Sie fiel damals durch die Prüfung, „weil ich nicht wusste, ob die drei Heiligen Könige wirklich Könige waren“.

Für die Wiederholungsprüfung sollte sie die Namen von sämtlichen 66 Büchern des Neuen und Alten Testaments auswendig lernen. „Ich habe mich aber geweigert und nur die ersten fünf oder sechs gelernt – und dann trotzdem bestanden.“ Das sei nur ein Beispiel für die Engstirnigkeit ihres damaligen Pfarrers.

Sie sei religiös erzogen worden, als Kind in den Kirchenchor gegangen und habe mit ihren Eltern gebetet. Doch schon in der Schulzeit habe sie unter anderem wegen des „super langweiligen“ Religionsunterrichtes begonnen, sich vom Christentum abzuwenden.

Die Frau, die anonym bleiben möchte, hat sich konfirmieren lassen, weil es „in meiner Familie dazugehört und es ja auch Geld und Geschenke gibt.“ Die meisten in ihrer Gruppe hätten sich damals konfirmieren lassen, weil es die Freunde eben auch getan hätten und die Familien das gewollt hätten.

Gottesdienste seien für die Jugendlichen zu trocken

Aus der Kirche wollte die Frau mit 18 Jahren austreten, doch das ging nicht, weil sie bei einem diakonischen Träger angestellt ist. Sie sagt, dass Gottesdienste zu trocken und langweilig seien und zu wenig Pepp hätten, um die Jugend anzusprechen. „Ich finde, dass Glaube nichts damit zu tun hat, dass man in die Kirche geht. Man kann überall beten und dem ‘Herren’ seine Treue zeigen.“ Denn der solle ja schließlich überall sein und nicht nur in der Kirche.

Dass Gottesdienste langweilig sind, findet Leon Krug nicht. So sei zum Beispiel das neue Gesangbuch modern und enthalte auch viele englische Lieder. Eine Anregung für mehr Abwechslung hat auch der 16-Jährige: „Es wäre schön, wenn man bei gutem Wetter ab und zu mal Gottesdienste unter freiem Himmel in den Teichwiesen veranstalten würde.“ Dem Wolfhager gefallen Gottesdienste, die ein wenig aus der Reihe fallen – so wie es sie im Rahmen des Wolfhager Kulturzeltes und des Erntedankfestes bereits gibt.

Dekan Dr. Gerlach: „Nur die Grundtexte auswendig lernen“

Dekan Dr. Gernot Gerlach sagt, dass es zum Abschluss der Konfirmandenzeit ein Abschlussgespräch mit dem Kirchenvorstand gebe. „Da gibt es in den Gemeinden verschiedene Formen. Dabei wird auch über die Evangelien gesprochen. Auswendig lernen müssen die Schüler aber nur noch einige Grundtexte.“ Diese sind in Wolfhagen das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser, der Psalm 23 („Der Herr ist mein Hirte“) und die zehn Gebote, berichtet Leon Krug, der 2016 von Pfarrerin Katharina Ufholz konfirmiert wurde. „Außerdem musste sich jeder ein Lied aus dem Gesangbuch aussuchen und den Text lernen.“ 

Bei der Überprüfung, wo auch zwei Mitglieder des Kirchenvorstands anwesend waren, legte die Pfarrerin verschiedene Karten mit Aufgaben verdeckt auf den Boden. Wenn jemand die Aufgabe, die er gezogen hatte, nicht lösen konnte, bekam er eine zweite Chance. „Durchgefallen ist keiner“, sagt Leon Krug.

Zahl der Konfirmanden im Wolfhager Land sinkt

Immer weniger Jungen und Mädchen im Wolfhager Land werden konfirmiert. Laut Dekan Dr. Gernot Gerlach lassen sich im Kirchenkreis Wolfhagen dieses Jahr 207 junge Protestanten die Taufe bestätigen. Den Grund für den Rückgang sieht der Dekan in erster Linie im demografischen Wandel. „Auch Kirchenaustritte spielen eine Rolle, aber eine untergeordnete“, sagt Gerlach. 

2017 ließen sich noch 222 Jugendliche konfirmieren – der Rückgang beträgt also rund sieben Prozent. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Konfirmanden (2008: 357) gar um 42 Prozent gesunken. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum ging die Zahl der jährlichen Geburten in der Kreisklinik Wolfhagen laut dem Wolfhager Standesamt von 384 auf 241 zurück – minus 37 Prozent. 

Auch wenn die Zahlen sinken, ist die Bestätigung der Taufe laut Dekan Gerlach bei evangelischen Jugendlichen nach wie vor beliebt. Über 90 Prozent von ihnen lassen sich konfirmieren, schätzt Gerlach. „Besonders freut mich, dass acht Prozent der Konfirmanden sich erst im Laufe des Unterrichtes taufen lassen.“ Die Neuzugänge in dieser Zeit seien auch ein Verdienst der Jugendarbeit der Gemeinden. 

Zunehmende Kooperation der Kirchen

Angesichts der kleiner werdenden Jahrgänge kooperieren die Kichen im Wolfhager Land immer mehr, so Gerlach. Das bestätigt Pfarrer Dr. David Bienert. Er konfirmiert in diesem Jahr drei Jugendliche aus Niederelsungen und acht aus Oberelsungen. Der Unterricht findet alle zwei Wochen abwechselnd in einem der beiden Dörfer statt. „Einen kleineren Jahrgang hatte ich bisher noch nicht“, sagt Bienert. 

Innerhalb der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) ist die Zahl der Konfirmanden ebenfalls deutlich gesunken, aber nicht so stark wie im Wolfhager Land. Die EKKW verzeichnete 2017 7096 Konfirmationen und damit 28,5 Prozent weniger als 2008 (9928).

Quelle: HNA

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