...wurde mir geklaut: Eine wahre Kriminalgeschichte über ein früheres Kultfahrzeug

...wurde mir geklaut: Eine wahre Kriminalgeschichte über ein früheres Kultfahrzeug

Andreas May, 1992

Es ist Dienstag, der 19. April 1994. Ich habe einen Termin bei Gericht. Es geht um Diebstahl, um Hehlerei und Bedrohung. Für mich geht es um meinen Scirocco, meinen geklauten Jugendtraum. Ich habe Herzrasen. Auf der Anklagebank sitzt Ataman E., lange dunkle Locken, das Hemd weit aufgeknöpft, Goldkettchen. Ich bin als Zeuge geladen. Und erzähle meine Geschichte:

Mein Scirocco ist Baujahr 1980, ein GTI, 110 PS, Originalfarbe Weiß, ATS-Cup-Räder. Als ich ihn kaufe, ist er zehn – und der Star auf dem Schulhof. In der Abi-Zeitung schreiben sie unter mein Foto: „Der Scirocco ist sein Markenzeichen, der soll niemals von ihm weichen.“ Wenig später ist mein Markenzeichen ein Sci-Rosto. Der Gammel wütet an Schwellern, Endspitzen, Stehblechen. Es ist die Zeit, als Kumpel Michi und ich beschließen: Jetzt machen wir ihn neu.

Andreas May, 2011

Ich bin 21 und Reporter bei der Schwälmer Allgemeinen, stecke mein ganzes Geld in den Scirocco. Michi schweißt sich einen Wolf, wir schmeißen die Sitze raus, bauen statt des altersschwachen 1.6ers einen 1.8er mit 112 PS aus einem Unfall-Golf-GTI ein, wir schleifen und spachteln und schleifen und lassen den Rocco in der VW-Farbe „Dark Violett Perleffekt“ lackieren. Er ist gefühlte zehn Zentimeter tiefer, sein hartes Bilstein-Fahrwerk zieht dir alle Plomben, er röhrt mit Gillet-Schalldämpfer wie ein Hirsch, die Rücklichter hab’ ich mit Fensterfarbe rot angemalt.

Im Frühjahr 1992 posiere ich stolz wie Bolle mit meiner kleinen Nichte Lena vor dem schönsten Scirocco meines Heimatorts Ziegenhain, ja was denn, vor dem schönsten von ganz Nordhessen, mindestens. Mama ist auch ganz entzückt, wenn sie aus dem Küchenfenster schaut: „Eben war er noch schwarz, jetzt schimmert er lila.“ Einmal zwängt sie sich sogar in die engen Vollschalensitze, fährt los, obwohl sie die Hosenträgergurte nicht verstellen kann, und ist schweißgebadet, als sie nach dem Schalten den Golfball in der Hand hält.

Entschuldigen Sie, Herr Richter, ich schweife ab. Kommen wir zum 25. Juni 1993, dem Tag, an dem mein Scirocco verschwand. Ich trinke mit Freunden reichlich Bier im Nachbarort und beschließe, den Wagen stehen zu lassen. Am nächsten Morgen ist er weg, geklaut. Drei Wochen später sehe ich am Bahnhof einen abgerockten Scirocco, mausgrau, zweiteilige BBS-Räder und 195er-Toyos, Gillet-Rohr, rote Rückleuchten. Neben dem Auto steht er – lange dunkle Locken –, ich frage: „Wo hast du die Rücklichter her?“ – „Hat Kumpel besorgt“, stammelt er. Dann startet er den Motor, und ich weiß: meiner! Anzeige bei der Polizei, Sicherstellung des mausgrauen Scirocco, Michi und ich erkennen alle Teile. Dann kommt er – lange dunkle Locken –, droht uns: „Nehmt Anzeige zurück, sonst findet ihr euch in Graben wieder.“

Ruine: In viele Teile zersägt, taucht der geklaute Scirocco in einem Waldstück bei Alsfeld wieder auf. Heute ist das schnittige Coupé von einst ein gesuchter Youngtimer.

Uns schlottern die Knie, als wir das wenig später bei der Kripo zu Protokoll geben.

"Teile hat mir Kumpel gegeben, kenne Namen nicht"

Jetzt ist Dienstag, der 19. April 1994. Der Richter verkündet das Urteil. Ataman E. muss wegen Bedrohung 800 Mark zahlen, Motor, Räder, Auspuff, Rückleuchten rausrücken. Den Diebstahl kann man ihm nicht nachweisen: "Teile hat mir Kumpel gegeben, kenne Name nicht." Von der Versicherung bekomme ich 6055 Mark. Monate später, ich fahre schon Golf II GT, ruft die Polizei an. "Gehört Ihnen das Auto mit dem Kennzeichen HR-ZK·77?" - "Ja", sagt mein Vater, "das ist unser geklauter Scirocco." Der Polizist: "Dann holen Sie bitte die Karosserieteile ab, sie liegen im Wald bei Alsfeld." Das Auto meines Lebens - zersägt in neun Teile. Ich hab` schon wieder Herzrasen...

Von Andreas May - Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Auto-Bild vom 5.8.2011

Zur Person

Andreas May (39) ist gebürtiger Ziegenhainer, wohnt in Hamburg und ist Ressortleiter Ratgeber/Service bei Auto-Bild. Zuvor war er acht Jahre lang bei der Hamburger Morgenpost. Seine journalistische Karriere begann 1986 im zarten Alter von 15 Jahren mit einem Praktikum bei der HNA Schwälmer Allgemeinen.

Quelle: HNA

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