Im Interview

Bald keine Schokolade mehr? Experte erklärt Auswirkungen des Insektensterbens

Insektizide gefährden die Tierwelt: Im Bild bestäubt eine Biene in Thüringen Raps. Foto: dpa/Reichel

Melsungen. Die Anzahl der Insekten hat in Deutschland dramatisch abgenommen. Das belegt unter anderem eine Studie niederländischer, britischer und deutscher Wissenschaftler. Mit ihnen sind außerdem hunderte Millionen Vögel verschwunden. 

Als eine Ursache gelten Stickstoffverbindungen, die als Düngemittel in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Journalist Stephan Börnecke präsentiert in Melsungen ein Dossier zum Thema, das vom Grünen-Politiker Martin Häusling in Auftrag gegeben worden ist. Veranstalter sind der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland und das Evangelische Forum Schwalm-Eder.

Herr Börnecke, Sie sagen, es könnte passieren, das Schokolade verschwindet. Was hat das mit dem Insektensterben zu tun?

Stephan Börnecke: Die Kakaopflanze wird von zwei Mückenarten bestäubt. Die Mücke ist dem Menschen lästig. Wenn es aber die beiden Mückenarten nicht mehr gäbe, würden die Pflanzen nicht bestäubt.

Würden die Pflanzen nicht künstlich bestäubt werden?

Börnecke: Das wäre so teuer, dass Schokolade quasi unbezahlbar würde, wahrscheinlicher ist, dass keine große Mengen Schokolade mehr produziert würden.

Welche anderen Konsequenzen drohen uns, wenn noch mehr Insekten sterben?

Börnecke: Ich würde nicht vom Aussterben sprechen. Viele Arten sind bedroht, aber noch nicht verschwunden. Aber es fehlen Millionen Tiere.

Die Bestäuberleistung droht, erheblich zurückzugehen, sodass vor allem Obst- und Gemüsebauern Probleme bekommen und Einbußen im Ertrag hinnehmen müssen. Sie schneiden sich mit ihrer Form der modernen Landwirtschaft ins eigene Fleisch.

Besonders augenscheinlich ist das Fehlen von Schmetterlingen. Gibt es dazu Zahlen?

Börnecke: Ja, es gibt eine lokale Untersuchung aus Regensburg von der Technischen Universität München und der Senkenberg-Gesellschaft für Naturforschung. Am dortigen Keilberg wurden Tagfalterarten, also Schmetterlinge, gezählt. Diese Zählungen gab es dort nämlich schon im 19. Jahrhundert. Das Ergebnis ist alarmierend: 1840 gab es noch 117 Arten, jetzt sind es noch 71.

Sind die Gründe bekannt?

Börnecke: Natürlicher Lebensraum für die Schmetterlinge sind Kalkmager-Rasen. Diese Landschaft aber ist heute vergrast und verbuscht, und zwar weil von nahe gelegenen Äckern Stickstoffverbindungen hinüber geweht werden und für eine Dpüngung sorgen. Die früheren Fraßpflanzen der Schmetterlinge sind verschwunden und jetzt auch die Falter.

Aber nicht nur die Insekten verschwinden?

Börnecke: Genau, viele Pflanzenarten, die an Feldern und Äckern heimisch waren, gibt es nicht mehr oder nur noch sehr vereinzelt.

Welche sind das?

Börnecke: Die Wegerich-Grasnelke, die Acker-Meier und die Getreidemiere. Alle drei sind primär durch die Intensivierung der Landwirtschaft ausgerottet worden. Die Pflanzen gibt es hierzulande nicht mehr.

Auch Vögel sind betroffen. Welche?

Börnecke: Bei den Vögeln ist die Grauammer im Westen Deutschlands in der Kulturlandschaft ausgerottet. Außerdem Stare, Sperlingsarten, die Goldammer, der Kiebitz, die Feldlerche und das Rebhuhn, um nur einige zu nennen.

Wieso sind die Populationen im Westen fast ausgerottet und im Osten nicht?

Börnecke: Die Landwirtschaft im Osten ist punktuell zwar einschneidender, hat aber mehr Nischen gelassen. Dort gibt es beispielsweise noch deutlich mehr Hecken und Brachland.

Es soll mehr als zehn Millionen Vögel weniger geben als noch vor einigen Jahren, stimmt das?

Börnecke: Ja, zwölf bis 13 Millionen Brutpaare sind es etwa in Deutschland. Europaweit sind es mehr als 420 Millionen Vögel weniger als 1980. Das sind 20 Prozent.

Was hat die Landwirtschaft damit zu tun?

Börnecke: Deutlich überproportional sind Vogelarten zurückgegangen, die ihre Lebensräume an Wiesen, Äckern und Feldern haben. Dort aber duldet die heutige Landwirtschaft keine Artenvielfalt mehr und vertreibt sie mit Chemie. Wald- und Meeresvögel hingegen sind kaum betroffen. Die Landwirtschaft ist ein großer Faktor, aber auch die Lichtverschmutzung, Windkraft, Fensterscheiben und Katzen haben einen Anteil am Rückgang.

Was muss getan werden, damit das Sterben und der massenhafte Rückgang der Tiere aufhören?

Börnecke: Es muss Schluss sein mit der Chemisierung der Landwirtschaft. Neonikotinoide und Glyphosat müssen europaweit verboten werden. Insbesondere Neonikotinoide haben eine fatale Wirkung auf Insekten. Sie werden meistens als Beiz-, manchmal auch als Spritzmittel für Getreide, Raps oder Rüben benutzt. Das Gift bleibt aber nicht im Saatkorn, sondern ist später auch in Blättern, Stängeln und Blüten und kann Insekten vergiften. Wir brauchen eine organische Landwirtschaft. Pestizide und Insektizide müssen stark eingeschränkt werden.

In Niedersachsen erhalten Landwirte eine Prämie, wenn sie Blühstreifen nicht an Feldrändern, sondern in der Mitte pflanzen. Die Streifen bieten zum Beispiel Rebhühnern wichtige Rückzugsmöglichkeiten.

Und was kann jeder einzelne tun?

Börnecke: Weniger Fleisch essen, keine Unkrautvernichter benutzen, Wildnis im Garten zulassen und ein Insektenhotel aufstellen.

Zur Person

Stephan Börnecke ist 63 Jahre alt. Der Journalist lebt in Flörsbachtal im Spessart. Viele Jahre war er bei der Frankfurter Rundschau, jetzt arbeitet er freiberuflich. Börnecke ist ledig, hat keine Kinder und beschäftigt sich mit Ornithologie. 

Termin

Wir sind dann mal weg – Die fast (un)heimliche Artenerosion – so lautet der Titel des Vortrags. Teilnehmer sind unter anderem Jürgen Kaufmann, Erster Kreisbeigeordneter und ein Vertreter des Kreisbauernverbandes. Wo: Dietrich-Bonhoeffer-Zentrum Melsungen, Franz-Gleim-Straße 62. Wann: Donnerstag, 8. Februar, 19 Uhr. Der Eintritt ist frei. 

Quelle: HNA

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