Biographie über den Nobelpreisträger mit zwei Gesichtern

Auf Behrings Spuren

Sammlung: Medizinhistorikerin Ulrike Enke mit Dokumenten aus dem Nachlass Emil von Behrings. Foto: Coordes

Marburg. Emil von Behring (1854-1917) gilt als „Retter der Kinder“, weil er einen Durchbruch mit seinem Serum gegen die Diphtherie schaffte. Der erste Medizinnobelpreisträger war jedoch auch ein schwieriger Mensch, der bei Kollegen, Mitarbeitern und Studenten wenig beliebt war.

Ulrike Enke, Institut für Geschichte der Pharmazie, hat den Nachlass des Gründers der Marburger Behringwerke bearbeitet und digitalisiert. Schulhefte, Vorlesungsmitschriften, medizinische Zeichnungen, Labortagebücher, Abschlusszeugnisse, Veröffentlichungen, Sonderdrucke, wertvolle Familienalben und 1650 Briefe sind inzwischen im Internet zugänglich (siehe Erinnerung).

Darunter sind auch die Briefe von Behrings Mutter „an das liebe Emilchen“. „Sie sind rührend, weil eine andere Seite von Emil von Behring zeigen, der eigentlich ein sehr egoistischer, rücksichtsloser, berechnender Mensch war“, sagt die Leiterin der Arbeitsstelle für Geschichte der Medizin, Kornelia Grundmann. Doch in diesen Briefen wird deutlich, dass er seine Familie und einen Bruder auch zu Zeiten unterstützte, als er noch wenig Geld hatte.

Gemeinsam mit dem Pharmaziehistoriker Christoph Friedrich planen die Wissenschaftlerinnen nun eine Biographie über den berühmten Marburger, die neben dem Nachlass auch das Werksarchiv der ehemaligen Behringwerke mit 1800 Akten berücksichtigt. Erscheinen soll sie bis zu seinem 100. Todestag 2017.

Behring stammte aus einer armen, westpreußischen Lehrerfamilie mit zwölf Kindern. Dem Wissenschaftler wurden die Lehrverpflichtungen lästig, er übergab sie fast komplett an seinen Assistenten Erich Wernecke. Was die Mitarbeiter über ihren Chef dachten, wird in einigen Briefen deutlich. Da geht es manchem besonders gut, „schon allein, weil Exzellenz auf Urlaub ist“. Hart war er jedoch auch sich selbst gegenüber: Wegen seiner Erschöpfungszustände musste der exzessive Arbeiter für drei Jahre ins Sanatorium.

In seiner geschäftlichen Korrespondenz zeigt er sich als kühler Rechner: „Er ist sein Leben lang dem Geld hinterhergelaufen, weil er selbst in ganz einfachen Verhältnissen groß geworden ist“, sagt Grundmann. Tatsächlich starb er als mehrfacher Millionär mit einer großen Villa in Marburg-Marbach und einem Haus auf Capri, wo er den russischen Schriftsteller Maxim Gorki kennen lernte.

Die Marburger profitieren bis heute von seiner Geschäftstüchtigkeit: 1904 nutzte er das Nobelpreisgeld von 150 800 Schwedenkronen, um mit zunächst zwölf Mitarbeitern die Marburger Behringwerke zu gründen. Als er 1917 starb, hatte das Unternehmen bereits knapp 200 Beschäftigte. Bei den heutigen Nachfolgeunternehmen arbeiten rund 4000 Menschen.

Zu verdanken ist der heute der Universität gehörende Nachlass übrigens Behrings 22 Jahre jüngeren Ehefrau Else, die schon bald nach seinem Tod Briefe des Ehemanns zurückholte. Die an seine „liebe, süße Braut“ hatte sie noch selbst. Darin schildert er die Universitätsstadt begeistert, schließlich wollte er die Berlinerin nach Marburg locken. Zwei der Söhne blieben in der Region: Hans von Behring arbeitete als Werksleiter in Marburg, Otto von Behring war Kinderarzt in Wetzlar.

Von Gesa Coordes

Quelle: HNA

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