Tag gegen den Lärm

Bei ihnen haben Hall und Schall keine Chance: Homberger Firma kennt sich mit Krach aus

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Setzen auf exakte Messdaten: Manfred Hess (links) und Martin Thiery vom Homberger Unternehmen Reiss-industrieakustik mit Akustikkamera, Messlautsprecher und Schallpegelmesser. Schall schluckt auch die orangefarben bespannte schallabsorbierende Wand im Hintergrund. 

Die Welt wird immer lauter: Darauf macht die Deutsche Akustik-Gesellschaft (Dega) beim heutigen Tag gegen den Lärm aufmerksam. Wir haben mit einer Homberger Firma gesprochen, die sich mit Krach auskennt.

Diese Situation kennt jeder: Man sitzt im Restaurant, im Lokal oder in der Kneipe und versteht im Stimmengewirr sein eigenes Wort nicht mehr – geschweige denn sein Gegenüber. Spätestens dann wird es ungemütlich, denn in der Akustik einer vollen Schwimmhalle, in der man sich anbrüllen muss, kann niemand entspannen. Manfred Hess und Martin Thiery von der Homberger Reiss-Industrieakustik AG kennen diese Situation, von Profis als „Lombard-Effekt“ bezeichnet: Das Phänomen, dass man in lauter Umgebung immer lauter spricht, sich der Lärm quasi hochschaukelt.

Manfred Hess (56) und Martin Thiery (59) sind Lärmexperten. Sie arbeiten bundesweit und auch international in der Getränkeindustrie, in deren Abfüllhallen es hoch und laut hergeht. Denn beim Waschen, Befüllen und Etikettieren von tausenden Glasflaschen in der Stunde zählt jedes Dezibel: Nur zehn Dezibel mehr empfindet das menschliche Ohr als eine Verdoppelung des Lärms – und das bedeutet viel Stress für alle Menschen, die in lauten Umgebungen arbeiten.

Denn Schall stellt nichts anderes als die Bewegung von Teilchen in der Luft dar. Im Freien fliegen sie zwar weg – in geschlossenen Räumen aber prallen sie von harten Flächen wie Glas und Metall ab und jagen wie Ping-Pong-Bälle hin und her, sie werden reflektiert.

Je lauter die Maschine in der Fabrik oder das Stimmengewirr im Lokal, desto dichter fliegen die Teilchen in der Luft. Auch das kennt jeder. Nicht nur aus der Industrie, sondern aus dem eigenen Alltag. Von der Motorsense im Nachbargarten, vom Laubbläser auf der Straße, vom Stimmengewirr im Klassenzimmer oder im Kindergarten.

Reiss-Industrieakustik bietet – nicht nur für die Industrie – Schutz- und Lösungsmöglichkeiten, beispielsweise Akustikelemente, die Lärm absorbieren. Es gibt mittlerweile sogar Systeme mit Stoffbezug, den man mit Wunschmotiven bedrucken und waschen kann. „Das ist in Zeiten von großen Glas- und Steinflächen die perfekte Lösung für Lokale, in denen schwere Gardinen als Schallschlucker nicht willkommen sind“, sagt Martin Thiery.

Wie laut es in Räumen tatsächlich ist, lässt sich mit hochtechnischer Ausrüstung exakt messen. Manfred Hess zeigt die firmeneigene akustische Kamera mit 64 Richtmikrofonen. Sie erstellt ähnlich wie eine Wärmebildkamera Lärmbilder, die Richtung und Quelle lokalisieren.

In Klassenzimmern empfehlen sich absorbierende Akustikdecken und Wandelemente. Auch für Kindergärten gibt es schallabsorbierende Elemente in allen Farben und Formen, gleich ob Elefant oder große Maus – 3-D-Druck und CNC-Technik machen es möglich, dass mehr Ruhe im Alltag, im Lokal oder auch in Fertigungs- und Abfüllhallen herrscht. Sie sorgen dafür, dass man sich unterhalten kann, ohne schreien zu müssen.

Einen Geheimtipp fürs Abschirmen des heimischen Gartens gegen den Lärm einer nahen Autobahn gibt es nicht. Selbst eine meterhohe Schallschutzwand direkt an der Terrasse hat nur Wirkung, wenn man direkt dahinter sitzt – und wenn der Wind den Schall nicht verwirbelt. „Wo immer Lärm geschluckt werden muss – es sollte so nah wie möglich an der Quelle erfolgen“, so Hess.

Hallende und schallende Räume lassen sich meist mit einfachen Mitteln leiser gestalten: Tücher, Teppiche und Gardinen wirken Wunder, Stoffe schlucken jede Menge Lärm. Jeder kennt das, wenn er eine leere Wohnung betritt – erst wenn Möbel drin stehen, wird es leiser.

Wenn in einem Büro die Frankiermaschine oder der Drucker auf harten Schreibtischoberflächen hämmert, wirkt eine HNA Wunder: Eine untergelegte Zeitung entkoppelt die Schallübertragung. Deckensegel absorbieren den Schall, denn Tücher verringern den Nachhall.

Wer merken will, wie Akustik funktioniert, sollte mit Schall spielen. Einfach ein Handy in eine leere Glasschüssel oder in einen Topf stellen und schon hat man sich einen Lautsprecher gebastelt: Der Topf reflektiert den Schall. Den wieder zu dämmen, das ist der Job von Industrieakustikern.

Quelle: HNA

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