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Beiseförther Jude starb im KZ Stutthof – Nachfahre spricht über Urteil gegen Ex-KZ-Sekretärin Irmgard F.

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Von: Fabian Becker

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Die Rosenblatt-Geschwister: von links Ferdinand, Jule, Daniel, Mally, Max und Betty lebten in Beiseförth. Das
Die Rosenblatt-Geschwister: von links Ferdinand, Jule, Daniel, Mally, Max und Betty lebten in Beiseförth. Das © zeigt sie etwa 1910. Max und Betty starben in Konzentrationslagern. archivFotos: Julio Rosenblatt/Christine Thiery

Julio Rosenblatt, Nachfahre des Juden Max Rosenblatt aus Beiseförth, der am 1. November 1944 im KZ Stutthof starb, blickt auf das Urteil gegen die ehemalige KZ-Sekretärin Irmgard F..

Beiseförth – Irmgard F. ist kürzlich wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 10 000 Fällen zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt worden. Die 97-jährige war Sekretärin im Konzentrationslager (KZ) Stutthof (HNA berichtete). Ein Jude, der am 1. November 1944 in Stutthof starb, war Max Rosenblatt aus Beiseförth. Der Enkel seiner Schwester, Julio Rosenblatt, blickt auf diese Zeit zurück und spricht über das Urteil.

Schwester starb im KZ

Max Rosenblatt ist 1896 in Beiseförth geboren und dort zur Schule gegangen, wo seine Familie fast 400 Jahre gelebt hatte. „Seine Schwester Betty starb mit ihrem Mann Sally und ihrer Tochter Doris ebenfalls in einem Konzentrationslager“, sagt Julio Rosenblatt, der in Uruguay lebt. „Sie alle sind in Beiseförth geboren und dort zur Schule gegangen, wo die Familie fast 400 Jahre gelebt hatte.“ Vier Geschwister sind nach Uruguay ausgewandert. Er wollte das nicht. „Max trat im Ersten Weltkrieg in die deutsche Armee ein und kämpfte an der französischen Front“, erklärt Julio Rosenblatt. „Er blieb in Deutschland, weil er dachte, dass ihm als Reichssoldat nichts passieren würde.“

Neffe hat KZ überlebt

Doch es kam anders: Im Frühjahr 1943 werden Max Rosenblatt und etwas später sein Neffe Manfred Katz, Sohn von Betty und Sally, ins KZ Kaiserwald bei Riga gebracht. Im Sommer 1944 werden die Insassen in das KZ Stutthof bei Danzig überführt. „Manfred Katz hat das KZ überlebt und nach der Evakuierung auch den Todesmarsch nach Westen im Winter 1945“, sagt der Beiseförther Uwe Brehm, der Informationen zum Leben von Max Rosenblatt gesammelt hat. Todesmärsche werden KZ-Räumungen der SS-Wachmannschaften am Ende des Zweiten Weltkriegs genannt. Von Katz stammen auch die Schilderungen aus dem KZ.

So war das Leben im KZ

„Das Leben in Stutthof wurde immer schwieriger, besonders für diejenigen, die die ganze Zeit im Lager blieben. Sie mussten stundenlang in der Kälte und im Schnee stramm stehen“, schrieb Katz. „Bei der mageren Nahrung, die sie erhielten, unzureichender Kleidung, Typhus und Lungenentzündungen, die ihre ausgemergelten Körper überfielen, verließ viele der Mut.“

Überleben sei ohne einen starken Lebenswillen nicht wahrscheinlich gewesen. „An diesem Punkt legten sich viele einfach hin, ohne die Befehle zum Aufstehen zu bemerken und von der Lagerpolizei getreten oder geschlagen zu werden“, berichtet Katz. „Sie warteten nur darauf, dass der Tod sie aus ihrem Elend befreite.“

Das Leben vor dem KZ

Max Rosenblatt wurde am 5. Januar 1896 in Beiseförth an der Mühlenstraße 11 geboren. Er war das dritte von sechs Kindern von Levi und Dorette Rosenblatt. Seine Geschwister hießen Jule, Ferdinand, Daniel, Betty und Mally. Vor seiner Zeit als deutscher Soldat im Ersten Weltkrieg hatte er seine Bar Mizwa in der Synagoge an der Brunnenstraße 6 in Beiseförth. Nach dem Krieg arbeitete er im Viehhandel seines Vaters, den er nach dessen Tod 1927 mit seinem Bruder Daniel übernahm.

Außerdem Betrieb er Landwirtschaft. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 und damit einhergehenden Boykottaufrufen gegen Juden hatte Max Rosenblatt Einbußen im Viehhandel. Das Geschäft lief aber noch bis zum Berufsverbot für jüdische Viehhändler 1937 weiter. In der Reichspogromnacht im November 1938 wurden die Synagoge und jüdische Wohnhäuser in Beiseförth teilweise zerstört und geplündert. Jüdische Bewohner wurden vertrieben und flüchten nach Kassel.

Vier Geschwister von Max Rosenblatt gelang bis 1939 die Auswanderung nach Uruguay. Er lebte mit seiner Schwester Betty und deren Mann Sally Katz sowie deren Kindern Manfred und Doris bis ins Frühjahr 1943 im Kasseler Judenhaus am Kirchweg 72 und war Zwangsarbeiter in einem Kasseler Betrieb. Am 9. Dezember 1941 folgt die Deportation ins Getto nach Riga.

Max Rosenblatt lebte auch dort mit seiner Schwester Betty, deren Mann und Kindern in einem Zimmer und verrichtet Zwangsarbeit.

Der Blick auf das Urteil

Obwohl viele Jahre vergangen sind, ist das Wichtigste: Auch wenn Gerechtigkeit Zeit brauche, komme sie an, sagt Julio Rosenblatt zu dem Urteil über KZ-Sekretärin. „Wichtig ist auch das Zeichen, dass es Verantwortung gibt, egal wo sie sich im KZ befand“, sagt er. „All dies ist ein Signal für künftige Generationen.“ (Fabian Becker)

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