Mann aus Ostdeutschland suchte wegen Geschlechtsumwandlung Rat in Fritzlar

Ein besonderer Patient

Erlebnis nach der Wende: Ingrid Gromotka praktizierte im Jahr der Grenzöffnung als Ärztin für Allgemeinmedizin in ihrer eigenen Praxis in Fritzlar. Am Montag nach dem 9. November 1989 kam auch ein junger Mann zu ihr, den sie bis heute nicht vergessen hat. Foto: Eberlein

Fritzlar. Vom akuten medizinischen Notfall bis hin zur chronischen Erkrankung gibt es kaum etwas, das die Fritzlarer Ärztin für Allgemeinmedizin im Ruhestand, Ingrid Gromotka (74), in ihrer Praxis nicht behandelt hat. Doch einen Patienten, der direkt nach der Grenzöffnung im Jahr 1989 in ihre Praxis kam, wird sie nicht vergessen.

„Sofort nach der Grenzöffnung brachten mir Bundeswehrsanitäter mehrere, vor allem ältere Übersiedler aus der Kaserne in Fritzlar in die ohnehin volle Montag-Morgen-Sprechstunde“, berichtet die Ärztin. Sie erinnert sich gut daran, dass sie erstaunt war, als die Menschen aus der ehemaligen DDR, anders als ihre sonstigen Patienten, bereits alle ihre Krankenscheine und den Personalausweis in den Händen hielten und unaufgefordert vorlegten. „Das scheint in dem dortigen System so gewesen zu sein.“

Viel zu tun hatte die Allgemeinmedizinerin direkt nach der Grenzöffnung. Und mitten in die zusätzliche Flut an Patienten kam ein junger Mann. „Auf die dringende Bitte, einen akut erkrankten Patienten dazwischen zu nehmen, untersuchte ich diesen Mann“, erzählt sie. Eine Erkrankung habe sie nach der Untersuchung jedoch nicht feststellen können.

Es habe ein langes und schwieriges Gespräch stattgefunden, bis der Mann schließlich auf den Punkt gekommen war: Er wollte sich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen. „Er erzählte mir von seinem bisherigen Leidensweg. Neben der psychischen Belastung, unter der er litt, sei er wegen seiner Transsexualität in der DDR sogar inhaftiert und in ein Straflager gebracht worden.“

Sie selbst konnte dem Mann nicht helfen, zeigte ihm aber den Weg und die Schritte auf, die er gemeinsam mit einem Facharzt gehen könne. Ob dem jungen Mann geholfen wurde, weiß sie nicht, denn nach seinem Besuch in ihrer Praxis, hat sie nichts mehr von ihm gehört.

„Das war damals keine einfache Situation“, sagt Ingrid Gromotka. Heute betrachtet sie das Erlebnis mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Weder zuvor noch danach sei ein Patient mit diesem Anliegen zu ihr gekommen und deshalb verbindet sie mit diesem Mann bis heute ihre Erinnerungen an die Öffnung der innerdeutschen Grenze am 9. November 1989. 

Von Christl Eberlein

Quelle: HNA

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