Bestatter im Ruhestand: Begleiter auf dem letzten Weg

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Anna und Georg Reinhardt

Neukirchen. Es war gewissermaßen sein dritter Beruf, eine Tätigkeit, die nicht jedem gelegen hätte. Georg Reinhardt aber hat gern getan, was getan werden muss. Nach 20 Jahren als Bestattungshelfer ist der 78-Jährige jetzt endgültig in Ruhestand gegangen.

1994 war Reinhardt von seinem Arzt Dr. Kaiser in die Frührente geschickt worden. Da konnte niemand ahnen, dass der Doktor selbst nicht mehr sehr lange zu leben hatte. Kaiser war dann unter den ersten Gestorbenen, die Georg Reinhardts Ehefrau Anna säuberlich in eine Kladde eintrug, die sich in zwanzig Jahren füllte. Georg Reinhardt kann sich noch gut an die Überführung des Arztes von Marburg heim nach Neukirchen erinnern. Vielen, vielen Neukirchenern widmete Reinhardt einen letzten Dienst, bis zu 60 Namen stehen in der Kladde, pro Jahr.

Nach Göttingen oder auch nach Gießen fuhr er manches Mal, besonders als es das Schwarzenbörner Krematorium noch nicht gab. Auch zu Obduktionen wurden die Toten dann und wann gebracht. Das Ziegenhainer Krankenhaus, ein diskretes Tor, wurde viel öfter angesteuert. Mehr als nur kollegiale Freundschaften mit Mitarbeitern sind dort entstanden. Für das Unternehmen Merz war Reinhardt im Einsatz, man sei immer mit seiner Arbeit zufrieden gewesen. Wie ist es überhaupt, den Leichenwagen zu fahren? Georg Reinhardt lächelt milde: „Ganz anders, da sieht jeder zu, dass er wegkommt.“ Den gelernten Maurer stieß der Umgang mit dem Tod nie ab. In seiner Zeit als städtischer Arbeiter hatte er oft Gräber auszuheben. Nachdem er Bestattungshelfer geworden war, wurden die letzten Dinge für ihn eine Aufgabe, die eigentlich gar keinen Urlaub zuließ. Pfarrer, das Unternehmen und die Stadt konnten sich zu jeder Stunde auf Georg Reinhardt verlassen: Vom Einsargen bis zum Einteilen des Trägerdienstes, vom Entzünden der Kerzen bis zum standesamtlichen Botengang verrichtete er getreulich das, was zu tun war.

Wenn Angehörige ihren Toten nochmal sehen wollten, öffnete ich den Sarg für sie.“ Manchmal sagte er auch Nein, nachdem er hineingeblickt hatte. „So war es bei einer Schulkameradin von mir, sie sah so schlimm aus, dass ich den Sarg gleich wieder schloss.“ Nicht vergessen kann der 78-Jährige jene Nacht am Steinwaldturm im Wald oberhalb von Neukirchen, wo ein Mann sein Leben beendet hatte. Der Bestattungshelfer tat, was die Kripo ihm auftrug. In einen Unfallsarg wurden die sterblichen Überreste eines Bundeswehrsoldaten gelegt. Einer von den jungen Autofahrern, die ihr Leben auf der berüchtigten Rennstrecke zwischen Schwarzenborn und Neukirchen ließen. „Nicht jeder wird mit solchen Situationen fertig“, weiß Ehefrau Anna. Der Kontakt mit Trauernden war Georg Reinhardts tägliches Brot. „Der Opa fühlt sich auf dem Friedhof am wohlsten“, kommentierte einst naseweis die kleine Enkelin. Aber es stimmte schon, ob Blumenschmuck zu richten oder ein Toter anzukleiden war, würde- und pietätvoll versah Reinhardt alle Angelegenheiten, so Pfarrerin Nora Dinges. Bürgermeister Klemens Olbrich und Ute Merz waren ebenfalls voll des Lobes bei der feierlichen Verabschiedung. Denn nun ist Georg Reinhardt wirklich zu alt, Parkinson macht ihm zu schaffen, Autofahren wird ein Problem. Für das Ehepaar steht fest, dass sich beide eine Urnenbestattung wünschen. Wie steht er zum eigenen Ende? Reinhardt lächelt wieder sanftmütig: „Vor dem Tod habe ich weniger Angst als viele andere.“

Quelle: HNA

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