"Im Weißen Haus ist es wie im Kindergarten"

Schwälmer übersetzte Bestseller über Trump: "Nach ihm wird es nur noch schlimmer"

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Verkauft sich fast so gut wie Harry Potter: Michael Wolffs Bestseller.

Ein Schwälmer hat den umstrittenen Bestseller "Feuer und Zorn" über Donald Trump ins Deutsche übersetzt. Mehr als vor dem US-Präsidenten fürchtet sich Thomas Gunkel vor den "Idioten", die danach kommen.

Ein Buch zu übersetzen ist sicher nicht immer lustig. Aber wie oft haben Sie bei der Arbeit an dem sehr unterhaltsamen Donald-Trump-Buch "Fire and Fury" gelacht?

Thomas Gunkel: (lacht) Sehr oft, denn es gibt viele witzige Stellen. Aber das Lachen war dem Weinen gleichzusetzen, weil vieles so unglaublich ist, dass man sich es gar nicht vorstellen kann.

An Michael Wolffs Bestseller haben gleich sieben Übersetzer gearbeitet. Warum so viele?

Gunkel: Sieben Übersetzer sind in der Tat ungewöhnlich. Anfangs sollten es nur vier sein, aber dann drehte sich das Rad immer schneller. Letztlich mussten wir die 480 Seiten in zweieinhalb Wochen schaffen, deshalb wurden noch drei Leute dazu geholt. Ich habe Mitte Januar bis Anfang Februar 60 Originalseiten übersetzt, im Deutschen sind das etwa 80. Das war schon eng.

Warum musste das alles so schnell gehen?

Gunkel: In den USA ist das Buch eine Woche früher erschienen als geplant, weil Trump angekündigt hatte, dagegen zu klagen. Daraufhin hieß es in Deutschland: Das muss jetzt ganz, ganz schnell über die Bühne gehen. Die Klage war wie so vieles bei Trump eine leere Drohung.

Thomas Gunkel

Inwiefern war das etwas Besonderes für Sie? Sie haben bislang vor allem Belletristik übersetzt, "Fire and Fury" ist ein Sachbuch, liest sich aber wie ein Roman.

Gunkel: Das kann man so sagen. Ich würde es als literarisches Sachbuch beschreiben. Solche Sachen habe ich schon öfter gemacht.

Wie haben Sie sich mit ihren sechs Kollegen abgestimmt, damit sich das Buch nicht liest, als hätten es sieben Autoren geschrieben?

Gunkel: Wir kennen uns schon lang. Drei von uns haben voriges Jahr Paul Austers Roman "4321" übersetzt. Wir sind alle stilsichere Übersetzer. Da war es nicht so schwierig, den Ton zu treffen. Zudem hat der Lektor noch die Aufgabe, einige stilistische Sachen auszubügeln. Bei einem belletristischen Werk wäre das alles aber sicher nicht so einfach gegangen.

Hatten Sie Kontakt zu Michael Wolff, der für sein Buch 18 Monate in der Welt von Trump verbracht und 200 Personen aus dessen Umfeld interviewt hat?

Gunkel: Nein. Zwar habe ich normalerweise immer Kontakt zu den Autoren, deren Bücher ich übersetze. Aber in dem Fall war das nicht nötig. Wir konnten alles so klären.

Gab es trotzdem Schwierigkeiten?

Gunkel: Ja, Wolff ist kein Hemingway und kein Faulkner. Manchmal waren die Sätze ziemlich verschwurbelt. Man musste sich überlegen, was er wohl gemeint haben könnte. Als Übersetzer darf man trotzdem nicht schwurbeln, denn wir wollen ja ein gut lesbares Buch. Manchmal muss man also den Sinn in die Sätze hineinlesen.

Die Verkaufszahlen in den USA sind fast so hoch wie bei "Harry Potter" und "Fifty Shades of Grey". Warum ist das Buch so erfolgreich?

Gunkel: Weil es eher ein Klatsch- und Tratschbuch als eine politische Analyse ist. Es ist süffig formuliert. Michael Wolff versteht es zuzuspitzen. Und das Buch appelliert an unsere Sensationslust. Das ist, glaube ich, der Hauptgrund, warum es sich gut verkauft.

Michael Wolff sieht sich in der Tradition von Autoren wie Norman Mailer und Tom Wolfe, die als teilnehmende Beobachter den "New Journalism" begründeten. Macht er sich aber nicht auch angreifbar, weil er etwa auf Quellen verzichtet?

Gunkel: Natürlich macht er sich angreifbar. Kritiker bemängeln, dass viele Zitate nicht richtig und einige Sachen nicht richtig dargestellt seien. Das mag so sein. Ich kann das nicht genau beurteilen. Aber Wolff sagt von Anfang an, dass er nicht jeden Punkt aufs Schärfste analysieren will und auch keinen Wert auf Genauigkeit legt. Er sagt vielmehr: "Ich liefere ein Bild vom Weißen Haus. So sieht es da aus. So geht es da zu." Das gelingt ihm erschreckend gut.

Wie sieht das Bild aus: eher nach College oder nach Kindergarten?

Gunkel: Seine Hauptthese ist: Trump wollte gar nicht Präsident werden. Das ist nachvollziehbar. Er ist mehr in das Amt reingestolpert. Mit der Kandidatur wollte er etwas für sein Image rausschlagen. Knapp verlieren und gut dastehen, das war sein Ziel. Und dann saß er plötzlich mit lauter Amateuren im Weißen Haus. In Trumps Team gab es keine professionellen Leute. Das alles hat schon etwas von Kindergarten. An einem Tag ist einer seiner Leute der beste Mann, am nächsten Tag feuert er ihn. So geht das am laufenden Band. Es gibt verschiedene Gruppen, die gegeneinander arbeiten und versuchen, Trump jeweils auf ihre Seite zu ziehen. Erschwert wird das dadurch, dass der Präsident nur eine geringe Konzentrationsspanne hat und nicht mit schwierigen Fragen belästigt werden will. Eine politische Linie ist bei all dem nicht zu erkennen.

Mittlerweile meint man, alles über Donald Trump zu wissen. Was haben Sie in dem Buch noch Neues über den US-Präsidenten gelernt?

Gunkel: Das Bild von Trump, über das wir eben gesprochen haben, ist gar nicht so neu. Da gibt es nur graduelle Unterschiede. Man wusste bislang nur nicht, wie schlimm es wirklich ist. Für mich war die ganze Dimension der Russlandgeschichte neu, die immer größer wird, obwohl gar nicht so viel dahintersteckt. Aber durch seine Unfähigkeit zieht Trump immer wieder die Aufmerksamkeit auf diese Sachen.

Die tragische Figur in "Fire and Fury" ist der mittlerweile entlassene Berater Stephen Bannon. Wie groß war Ihre Angst vor dem Vordenker der Rechten in Amerika?

Gunkel: Ziemlich groß. Er ist ein Apokalyptiker und Zündler. Als tragische Figur sehe ich ihn jedoch nicht. Andere wie Bannons einstiger Gegenspieler Jared Kushner werden jetzt ja auch erledigt.

Wer bleibt da am Ende übrig?

Gunkel: Das ist die große Frage. Ich wünsche mir eigentlich nicht, dass Trump vorzeitig geht. Denn es kann nur schlimmer werden. Dann kommen kompetente Idioten dran. Paul Ryan etwa, der republikanische Sprecher des Repräsentantenhauses, ist für mich einer der schlimmsten Speichellecker und Opportunisten. Vor solchen Leuten fürchte ich mich mehr als vor Trump, von dem ich mir nicht vorstellen kann, dass er die Macht hat, wie er immer behauptet.

Aber wer regiert gerade Amerika, wenn nicht der Präsident?

Gunkel: Ich glaube Interessengruppen, die ihm irgendwelche Sachen zuschieben, die er dann abzeichnet. Aber die haben auch keine klare Linie. Man hat den Eindruck: Da regieren nur Amateure.

Gibt es irgendetwas Gutes an der Präsidentschaft von Donald Trump?

Gunkel: Da fällt mir nichts ein. Obwohl er nicht alles schlechter macht als seine Vorgänger, ist er einfach nicht in der Lage, das Amt auszufüllen.

Ein Gewinner könnten die Medien sein. Wolff sagt, dass es der "New York Times" und CNN dank Trump wieder gut gehe.

Gunkel: Die seriösen Medien sind auf alle Fälle Gewinner - zumindest inzwischen. Anfangs waren sie ein bisschen gelähmt und haben nur empört auf jeden Blödsinn reagiert. Aber die "New York Times" hat mittlerweile eine gute Einstellung zu der Sache gefunden. Und sie hat viele neue Abonnenten gewonnen. Was ich nicht verstehe: Warum sind die Demokraten nicht in der Lage, aus der Sache Kapital zu schlagen. Sie sind einfach zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Offensichtlich herrscht nach der verlorenen Präsidentenwahl immer noch eine Art Lähmung.

Sie sind selbst Amerika-Liebhaber und machen dort immer wieder Urlaub. Wie sehr haben Sie Angst um das Land?

Gunkel: Ich war jetzt drei Jahre nicht mehr dort. Wenn ich das nächste Mal in die USA fliege, wird es ein anderes Land sein. Das Land wird immer mehr gespalten, Links und Rechts werden immer extremer, beide Seiten. Das macht Angst.

Das Buch: "Feuer und Zorn" (480 Seiten, 19,95 Euro) ist Mitte Februar bei Rowohlt erschienen.

Die Lesung: Thomas Gunkel liest am Freitag, 2. März, 19.30 Uhr, in der Kasseler Buchhandlung Brencher aus dem Buch.

Zur Person

  • Alter: 61
  • Aufgewachsen: in Treysa
  • Ausbildung: zum Erzieher, Germanistik- und Geografiestudium in Marburg
  • Karriere: Gunkel arbeitet seit 1991 als Übersetzer. Mittlerweile hat er 90 Bücher aus dem Englischen ins Deutsche übertragen - darunter namhafte Autoren wie Stewart O'Nan, Paul Auster und Jon Krakauer. Sein kommerziell erfolgreichstes Buch war bislang Nick McDonells Roman "Zwölf", das sich 100.000 Mal verkaufte. "Feuer und Zorn" startet in Deutschland nun mit einer Auflage von 300.000 Exemplaren.
  • Nächstes Projekt: Derzeit arbeitet Gunkel an der Übersetzung eines Buches des US-Journalisten Michael Pollan über die Wiedereinführung von LSD in die Psychotherapie - das Thema ist von Trump also nicht weit entfernt.
  • Privates: Der Vater einer erwachsenen Tochter lebt mit seiner Familie im Gilserberger Ortsteil Sachsenhausen in der Schwalm.

Quelle: HNA

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