Verhandlung hat begonnen

Bewohnerin stach plötzlich zu: Mitarbeiterin von Betreutem Wohnen verletzt

Kassel/Schwalm-Eder. Eine Beschäftigte einer Einrichtung für betreutes Wohnen im Schwalm-Eder-Kreis war im August 2012 von einer Bewohnerin mit einem Messer verletzt worden. Seit Mittwoch muss sich diese Bewohnerin vor dem Landgericht Kassel wegen versuchten Totschlags und Körperverletzung verantworten.

„Ich wollte sie nicht töten, ich wollte sie auch nicht verletzen“ beteuerte die 30-Jährige. Zugleich räumte sie jedoch ein, dass sie der Betreuerin einen „Denkzettel“ verpassen wollte. Wegen psychischer Probleme war sie in der Einrichtung untergebracht. Vormittags arbeitete sie in einer geschützten Werkstatt. Dort sei sie „vorn und hinten überfordert“ gewesen, außerdem sei sie gemobbt worden. Deswegen habe sie dann auch mal „die Arbeit geschwänzt“. Daraufhin habe es ein Gespräch in der Wohneinrichtung gegeben, an dem die später verletzte Betreuerin teilgenommen hatte.

Als sie an jenem Augusttag aus der Werkstatt gekommen sei, habe sie sich wieder stark unter Druck gefühlt. Sie sei ins Freibad gegangen, habe dort nicht nur gebadet, sondern auch vier Flaschen Bier getrunken. Keine gute Kombination mit den Psychopharmaka, die sie damals einnahm. Zurück in der Wohneinrichtung ging sie in die Küche. Als die Betreuerin sie dort mit den Worten „Das sind Sie ja!“ begrüßte, stach sie mit einem Messer zu. Die heute 60-jährige Mitarbeiterin konnte die Hand mit dem Messer packen und so den Angriff abwehren. Die beiden gingen zu Boden, wo die Angeklagte weiter zuzustechen versuchte. Die Hilferufe der Betreuerin alarmierten zwei Bewohner, die der Angeklagten das Messer wegnahmen. Sie räumte am Mittwoch alles ein, gab auch zu, dass sie der Betreuerin den Denkzettel verpassen wollte, weil die mit dafür gesorgt habe, dass sie in die ungeliebte Werkstatt zurückkehren musste.

Sie verletzte die Betreuerin mit dem Messer an der linken Hand, die Wunde konnte mit einem Pflaster versorgt werden. Viel schwerwiegender sind jedoch die psychischen Folgen. Zehn Monate, so berichtete sie vor Gericht, habe sie zu Hause bleiben müssen. „Ich kann bis heute nicht an meinen alten Arbeitsplatz zurückkehren.“ Sie leide seit dem Vorfall an Angstzuständen und könne die Bereitschaftsdienste, die üblicherweise allein absolviert werden müssten, nicht mehr übernehmen. Inzwischen arbeitet sie als Ergotherapeutin.

„Ich entschuldige mich, ich bin zu weit gegangen“, sagte die Angeklagte am Mittwoch. Sie hatte der Betreuerin das bereits in einem Brief geschrieben. Inzwischen ist sie in einem anderen Landkreis untergebracht. Eine Sachverständige wird vor dem Landgericht ein Gutachten über den psychischen Zustand der 30-Jährigen abgeben. Am 12. Juni soll der Prozess fortgesetzt werden.

Von Ralf Pasch

Quelle: HNA

Rubriklistenbild: © dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion