Der Weg der Tulpe – Von der Türkei bis in die Kultur des Schwälmer Landes

Blume der Vergänglichkeit

Schwälmer Weißstickerei mit Tulpe: Kissenbezug aus dem 18. Jahrhundert.

Schwalm. Heute, da die Tulpe ganz alltäglich ist und massenhaft gezüchtet wird, kann man sich die Überraschung und das Aufsehen in der Mitte des 16. Jahrhundert nicht mehr vorstellen, als die ersten Tulpen aus der Türkei in Mitteleuropa eintrafen, denn diese frühe, überwältigende Pracht war ja vorher gänzlich unbekannt.

Da die Blüte und die Tulpe wiederum ganz besonders eine vergänglich Pracht sind, stehen sie auch für die Vanitas, die Eitelkeit der Eitelkeiten, für das Bewusstsein der Vergänglichkeit aller irdischen Pracht, verbunden mit dem Hinweis auf einen gottgefälligen, christlichen Tod.

Sie fand auch den Weg in die Kunst und zwar auf zwei Wegen. Einmal war sie Objekt der botanischen Illustration. Dies sind zumeist sehr genaue und exakte Wasserfarbenbilder auf Papier. Mit der Entwicklung des autonomen Stilllebens als eigener Gattung um 1600 in der Malerei in den Niederlanden und Deutschland findet die Tulpe den Weg in das Gemälde und zwar in der speziellen Form des Stilllebens: dem großen Blumenstrauß.

Schon im Jahr 1697 erscheint eine Tulpe in der Schwälmer Kunst und zwar auf der Lade der große Truhe im Museum der Schwalm in Ziegenhain. Sehr früh wird auch der Vergänglichkeitsbezug aufgenommen. Auf einem Grabstein auf dem Schönberg findet sich ein Engel, der in der einen Hand eine Tulpe und in der anderen Hand eine Stundenuhr hält. Ein anderer Grabstein auf dem Friedhof in Schrecksbach zeigt wiederum zwei Frauen, ebenfalls mit Tulpen in den Händen, wobei auffällt, dass die Tulpen und die Frauen die gleiche Größe haben. Beide Grabmäler sind aus dem 18. Jahrhundert. Ebenfalls aus dem 18. Jahrhundert stammt das Kissezich (Kissenbezug) im Schwälmer Dorfmuseum Holzburg. Da findet sich erstmals die Verbindung von Tulpe und Herz. Ein schöner Tulpenstrauß wächst aus einem Herz heraus.

Das Herz Jesu

Da die Tulpe die Vergänglichkeit und den Tod symbolisiert, ist das Herz als Herz Jesu wiederum die Überwindung des Todes im ewigen Leben. Aus der Bedeutung der Vanitas wird die Auferstehungsbedeutung. Die Verbindung Tulpe und Herz wurde auch deshalb besonders beliebt, weil beide Formen ineinander gehen und so ein neues Muster in der Schwälmer Ornamentik bilden. Besonders schöne Beispiele finden sich auf den Schwälmer Hochzeitsstühlen und auf Brustlappen, Kappen und Kappenschnüren.

Sogar vor eher profanen Objekten wie Lostbrärrer (Blumenkästen) und Schwingstöcken macht die Schwälmer Lust zu schmücken und zu zeigen nicht Halt.

Von Dr. Anton Merk

Quelle: HNA

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