Nach Bombardierung der Edertalsperre

Das Geheimnis des alten Fotos ist gelöst: Das Mädchen heißt Rita

Kleinenglis. Jetzt weiß man endlich, wer sie ist: 70 Jahre lang kannte niemand den Namen des Mädchens, das da im Mai 1943 kurz nach der Bombardierung der Edertalsperre in Fritzlar fotografiert worden war.

Erst der Aufruf des Fritzlarer Geschichtsvereins in unserer Zeitung brachte den Erfolg: Das Kind, das zwischen Schläuchen und Helfern vor riesigen Pfützen zu sehen ist, heißt Rita Umbach. Sie ist heute 77 Jahre alt und wohnt mit ihrem Mann im Borkener Stadtteil Kleinenglis.

Damals hieß sie noch Rita Höhne und bewohnte in Fritzlar mit ihrer Familie das Obergeschoss des Hauses in der Gießener Straße 42. In dessen Erdgeschoss befand sich das Lebensmittelgeschäft ihrer Eltern.

Als im Mai 1943 das Wasser durch die zerbombte Edertalsperre bis nach Fritzlar und in die Wabernsche Tiefebene schoss, stand der Laden binnen kürzester Zeit bis zur Decke unter Wasser.

Bootsfahrt durch Fritzlar

Rita Umbach hat noch Fotos aus den Tagen nach dem verheerenden Unglück. Sie zeigen die Hausfassade, die bis über die Fenster des ersten Geschosses hinaus nass ist.

Nachdem die Flutwelle durch die Domstadt gerollt war, hatten Helfer Rita Höhne und ihre Mutter aus dem Haus geholt. Per Boot. „Es stand ja alles unter Wasser“, erinnert sich die Kleinengliserin. „Die Helfer ruderten uns in die Fritzlarer Oberstadt, dort fanden wir Unterschlupf bei Bekannten.“

Acht Tage lang blieben die Höhnes bei Freunden der Familie, dann kehrten sie ins klamme Haus zurück. „Es sah wirklich wüst aus“, erinnert sich die 77-Jährige. „Für meine Mutter war das alles ganz schlimm.“ Daran kann sie sich erinnern, aber nicht daran, Angst gehabt zu haben. Aber die Bootsfahrt durch die überfluteten Straßen, die hat sie in den vergangenen sieben Jahrzehnten nicht vergessen.

Das Foto, das anlässlich des 70. Jahrestages der Bombardierung in der HNA zu sehen war, ist kurz nach der Überflutung aufgenommen worden. So steht es auf der Rückseite des Schwarz-Weiß-Abzuges: „Tag 5: Die Hitler-Jugend räumt auf“.

Das Bild hat Rita Umbachs mittlerweile verstorbener Bruder Erich Höhne geknipst. Er war damals 19 Jahre alt und packte mit an, als das Wasser abfloss und unendlich viel Schmutz und Schlamm und Unrat in den Straßen der Domstadt zurückblieben.

Die Familie Höhne tat damals das, was alle Menschen in der Region taten, die von der Zerstörung der Sperrmauer betroffen waren: Aufräumen, saubermachen und weitermachen.

Die Fotos von damals hat sich Rita Umbach viele Jahre lang nicht angesehen. Bis zu dem Tag neulich, als ihr Mann Karl zu ihr sagte: „Guck mal, du bist in der Zeitung.“

Heute ist sie es wieder. Weil das namenlose Kind von damals endlich eine Identität und damit auch eine Geschichte hat.

Quelle: HNA

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