Extreme Stimmungsschwankungen und Anspannungszustände

Auf der Achterbahn der Gefühle: Eine Borderline-Patientin erzählt

Immer überfordert und dauernd auf 180 Grad: Sabine Hartung leidet an der Borderline-Störung. In der Vitos-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Merxhausen erhielt sie Hilfe. Dort setzen die Therapeuten auf die Dialektisch Behaviorale Therapie (DBT). Fotos: Rolf K. Wegst

Merxhausen. Borderline-Patienten leiden unter extremen Stimmungsschwankungen und Anspannungszuständen. Sabine Hartung macht in Merxhausen eine spezielle Therapie.

Sabine Hartungs Notfallkoffer ist ein beigefarbenes Handtäschchen. Rote Chilischoten stecken darin, Ammoniak, Pfeffer, japanisches Heilöl, ihr MP-3-Player und ein Knetball. Auf den brennend scharfen Chilischoten herumzukauen, war bislang erst einmal nötig. Den Knetball - ein Smiley mit grünen Haaren - und ihren MP-3-Player braucht sie jedoch täglich.

Die 34-Jährige leidet unter Borderline. „Früher sagte man, dass das Krankheitsbild nicht therapierbar ist“, sagt Dr. Martine Micol-Grösch über die Persönlichkeitsstörung. Im Haus 6 der Vitos-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Merxhausen zeigt das Team um die Oberärztin, dass es doch möglich ist. Es handelt sich um die erste vom Dachverband DBT (Dialektisch Behaviorale Therapie) zertifizierte Station in Hessen. Eingeführt wurde das Verfahren in Merxhausen von Prof. Michael Franz, dem Ärztlichen Direktor der Klinik.

Sabine Hartung merkt man ihre Krankheit auf den ersten Blick nicht an. Ruhig wirkt die vierfache Mutter. Dass ihre Gefühle regelmäßig Achterbahn fahren, lässt sich nur ahnen, wenn sie ihren Knetball ununterbrochen in den Händen zusammenquetscht. Sabine Hartung möchte über ihre Kindheit am liebsten gar nicht sprechen. „Viel Gewalt“ sagt sie über den Vater, einen Alkoholiker, der Frau und Kinder schlug. Wie viel sie selbst davon erfahren hat, sagt sie nicht.

Stimmungsschwankungen 

70 Prozent der Borderline-Patienten sind als Kinder geschlagen oder sexuell missbraucht worden, sagt Micol-Grösch. Psychische Erkrankungen, Suchtprobleme der Eltern und Vernachlässigung können neben einer genetischen Veranlagung zu dieser Störung führen. Die Borderline-Patienten leiden unter extremen Stimmungsschwankungen und Anspannungszuständen. Das fühlt sich für viele Betroffene so unerträglich an, dass sie sich die Haut ritzen, sich Verbrennungen zufügen oder mit dem Kopf gegen die Wand knallen. Alkohol, Tabletten und Essstörungen sind ebenfalls häufig.

Oberärztin Dr. Martine Micol-Grösch.

Sabine Hartung wurde erst 2013 wirklich klar, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Zu diesem Zeitpunkt war sie schon vierfache Mutter, hatte eine abgebrochene Ausbildung, eine Ehe und eine langjährige Beziehung zu einem gewalttätigen Freund mit Alkoholproblemen hinter sich. Zudem gab sie sich die Schuld am Tod ihres Zweitgeborenen, der in ihren Armen am plötzlichen Kindstod starb.

Doch auch nach der Trennung vom Freund fühlte sie sich „immer überfordert und dauernd auf 180“, so sagt sie. Am ganzen Körper hatte sie blaue Flecke, weil sie gegen Wände, Türen und Schränke trat und boxte. Die 1,80 Meter große Frau wog nur noch 56 Kilo und hatte Selbstmordgedanken. Als Hartung schließlich nach mehreren Klinikaufenthalten die klare Diagnose in der Vitos Klinik für Psychiatrie in Bad Emstal bekam, war dies eher entlastend. „Seitdem kann ich es besser akzeptieren und etwas dagegen tun“, sagt die 34-Jährige.

Zehn Wochen hat sie im Haus 6 verbracht, in dem 24 überwiegend aus Kassel und Umgebung stammende Borderline-Patienten in vier Wohngruppen leben.

Sabine Hartung hofft nun, besser mit ihrem Alltag klar zu kommen. Ihre Kinder wurden während der Therapie von ihrer Mutter und einer Familienhelferin betreut. Ihr Lebensgefährte unterstützt sie und nimmt am Angehörigenprogramm für DBT-Patienten teil. Hartung: „Ich habe gelernt, meine Gefühle und das Chaos im Kopf zu lenken.“

Von Gesa Coordes

Quelle: HNA

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