Erstes Projekt: Anästhesie

B. Braun Melsungen und Philips kooperieren in der Medizintechnik

Navigation im Körper: Das Ultraschall-System Xperius ist das erste Produkt einer Allianz zwischen B. Braun Melsungen und dem niederländischen Philips-Konzern. Foto: B.Braun

Melsungen. Gemeinsame Sache in der Medizintechnik: B. Braun Melsungen und Philips bringen jetzt ihr erstes Gemeinschaftsprodukt auf den Markt. Es soll nicht das letzte bleiben.

Es ist Millimeterarbeit, tief im Körper. Eine dünne Nadel tastet sich in Richtung des Nervs vor. Sie muss möglichst nah an ihn herankommen, aber sie darf ihn nicht verletzen: Regionalanästhesie, die Betäubung bestimmter Körperregionen für Operationen, verlangt von Narkoseärzten viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung.

Der Medizintechnik- und Pharmahersteller Braun Melsungen und der niederländische Philips-Konzern wollen mit ihrem Gemeinschaftsprodukt Xperius solche Eingriffe sicherer machen. Das auf einem Ständer montierte transportable Ultraschallsystem, dessen Monitor als Tablet abnehmbar ist und sich auch mit einem Akku als Energiequelle begnügt, leitet Anästhestisten auf ihrem Weg zu Nervenbahnen und Gefäßen.

Das Gerät, auf dem die Namen beider Unternehmen nebeneinander prangen, ist das erste Ergebnis einer auf Jahre angelegten strategischen Zusammenarbeit, von der sich die beiden Schwergewichte der Medizintechnik versprechen, ihre Vorrangstellung zu untermauern. Jetzt kommt es auf den Markt. „Die Qualität der Narkose ist ein ganz neues Thema“, sagt Meinrad Lugan, der im Konzernvorstand von B.Braun die Krankenhaussparte Hospital Care verantwortet. Lokale und regionale Anästhesie ist für Patienten schonender als eine Vollnarkose. Weniger Nebenwirkungen, ein kürzerer Aufenthalt in der Klinik - in einem auf Effizienz getrimmten Gesundheitswesen ist das Xperius-System interessant, auch wenn sein Preis in der Größenordnung eines komfortablen Kompaktwagens liegt.

Marktführer 

Lugan hofft, dass die Verkaufszahlen rasch vierstellig werden. Bereits heute ist der Melsunger Konzern mit einem Anteil von 35 Prozent Marktführer auf dem Gebiet der Regionalanästhesie. Zunächst geht Xperius in den USA sowie in den europäischen Hauptmärkten Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Spanien und Italien an den Start.

Zweieinhalb Jahre hat die Entwicklung gedauert, mehr als zehn Millionen Euro gekostet. Dafür wollen die Konzerne mit einem Gerät punkten, das leicht zu bedienen ist. Das Konzept zielt auch auf Absatzländer, in denen Mediziner schlechter ausgebildet sind als hierzulande: „Dann muss das System die Sicherheit bringen“, sagt Lugan und umreißt die Perspektiven der Neuentwicklung: „Am Ende wäre es schön, wenn wir ein Navigationssystem für die Regionalanästhesie hätten.“

Xperius wird nicht die einzige gemeinsame Entwicklung von B. Braun und Philips bleiben. Die Niederländer treiben ihre Neuausrichtung zum Medizintechnik-Spezialisten voran. Bildgestützte Geräte für Diagnose und Behandlung sowie mobile medizinische Geräte für die Nachversorgung gehören zu den Schwerpunkten. B. Braun wiederum hat große Erfahrung mit Injektionsnadeln und Kanülen, mit Pumpen, Schmerztherapie und Orthopädie. Das alles klingt nach dem Beginn einer langen Freundschaft. Details zu weiteren Plänen nennt Lugan nicht. Nur soviel: „Wir passen gut zusammen.“

Hintergrund: Philips wandelt sich

Für Verbraucher steht Philips für Glühbirnen, Fernseher und Kaffeemaschinen. Doch der Elektronikkonzern aus Amsterdam, der 2016 mit gut 104 000 Mitarbeitern 24,5 Milliarden Euro umsetzte und vor Zinsen und Steuern (Ebit) 1,9 Mrd. Euro verdiente, hat sich völlig umgebaut. Vom Lichtgeschäft haben sich die Niederländer weitgehend, von TV-Geräten vollständig getrennt. Seitdem legt die Koninklijke Philips N. V. den Schwerpunkt auf die Medizintechnik, ein Bereich, der mit milliardenschweren Zukäufen gestärkt wurde. Das Gesundheitsgeschäft setzte 2016 insgesamt 17,4 Mrd. Euro um, vier Prozent mehr als 2015. Der Bereich Diagnose und Behandlung, zu dem auch Ultraschallgeräte zählen, erzielte bei einem Umsatz von 6,7 Mrd. Euro ein Ebit von 546 Mio. Euro.

Quelle: HNA

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