Viele Braunianer im Europagebäude suchen sich täglich einen anderen Schreibtisch

Ein Büro fast ohne Papier

Statt auf Aktenschränke und Arbeitsräume hinter verschlossenen Türen setzen die Braunianer auf Transparenz, Kommunikation und Spitzentechnologie: Thorsten Lepper zieht hier seine Arbeitsunterlagen mit einem Rollkoffer durchs Büro. Fotos: B. Braun/nh

Melsungen. Elf Aktenmeter, ein Schreibtisch, Schränke und ein paar persönliche Habseligkeiten pro Verwaltungsmitarbeiter - das war in den 90er Jahren bei der 165-köpfigen Verwaltungsbelegschaft Standard im Stammwerk der B. Braun Melsungen AG.

Nach dem Umzug ins Europagebäude Pfieffewiesen stehen nach Unternehmensangaben etwa 200 Mitarbeitern in den Verwaltungsabteilungen 132 Arbeitsplätze zur Verfügung - Aktenordner sind nur noch Zierrat, nette Erinnerungen ans Papierbüro. Bürokonzept 2010 nannten die Braunianer ihre Ideensammlung um die Jahrtausendwende, die sie damals 15 Monate lang mit 50 Leuten im Stammwerk erprobten, wobei sie jede Menge Erfahrungen sammelten, etwa über Akustik und Technik. Im Jahr 2010 spricht man im Europagebäude lieber vom Office-Konzept, das im weltweit aktiven Unternehmen längst auch an Standorten auf anderen Kontinenten Maßstäbe setzt.

Spitzentechnologie

Eine Voraussetzung für das so gut wie papierlose Büro ist Spitzentechnologie. Über einen Scanner frisst der Kollege Computer alle beschriebenen Papiere, archiviert sie und stellt sie den Braunianern zur Verfügung. Die haben selbst auf Dienstreisen und von zuhause aus Zugriff auf die Daten und arbeiten ortsungebunden. Das heißt fürs Europagebäude: ohne persönlichen Schreibtisch. Den suchen sich die Mitarbeiter dort täglich neu.

Personengebundene Dinge bleiben nach wie vor die Nummer des mobilen Funktelefons und der Rollkoffer mit Arbeitsunterlagen. Schreibtische gibt es angesichts von Urlaub, Dienstreisen und Heimbüro stets genug.

Flexible Mitarbeiter

Das fast papierlose Büro und seine flexiblen Mitarbeiter stehen dem Hersteller von Medizintechnik mit weltweitem Wirkungskreis gut zu Gesich. Schließlich muss ein Teil der Belegschaft übers internationale Computernetzwerk und jenseits von Abteilungsgrenzen miteinander und mit Geschäftspartnern aus dem In- und Ausland rund um die Uhr im Kontakt sein. Diesen Anspruch unterstreicht die Architektur. Wie in einem Zukunftsroman laden im Europagebäude Sofas und knallrote Küchen zum Verweilen ein. Beton, Glas und Holzlamellen begrenzen die Räume, transparente Kleinbüros bieten eine Möglichkeit zum stillen Arbeiten und Konferieren.

„Ich habe mich vor zwei Jahren von meinem letzten Ordner getrennt“, sagt Personalleiter Jürgen Sauerwald. Er arbeitete das Bürokonzept von Anfang an mit aus und hat viele Erinnerungen daran, wie schwierig es manchmal war, alte Zöpfe abzuschneiden. Stattdessen sollte sich die Idee eines sich täglich neu formierenden und lebendigen Büros ohne Besitzstandsanzeiger wie Locher, Familienbild und Kaffeetasse etablieren. Am Ende aber dürften alle Mitarbeiter etwas Gutes an ihrem Büro entdeckt haben, und sei es nur die Möglichkeit, einem ungeliebten Kollegen durch eine geschickte Schreibtischsuche dauerhaft aus dem Weg gehen zu können.

Von Lorenz Grugel

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