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Krankenschwester aus Schwalm-Eder-Kreis über die Arbeit mit Corona-Patienten: „Die Belastung ist enorm“

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Von: Damai Dewert

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Krankenpflegerin Nathalie Prinz hat auf der Intensivstation der Asklepiosklinik in Ziegenhain ein Medikamentenfläschchen in der Hand.
Nathalie Prinz ist Krankenpflegerin auf der Intensivstation der Asklepiosklinik in Ziegenhain und hat seit Monaten alle Hände voll zu tun. © Sina Boucsein/nh

Nathalie Prinz arbeitet auf der Intensivstation der Asklepiosklinik in Ziegenhain. „Der Stress ist irgendwie immer da“, sagt die 23-jährige. Corona ist ihr Alltag.

Ziegenhain – Gesundheits- und Krankenpflegerin Nathalie Prinz berichtet im Interview von der Angst, sich anzustecken. Die 23-Jährige arbeitet auf der Intensivstation der Asklepiosklinik in Ziegenhain.

Wie geht es Ihnen?

Die Belastung ist seit Monaten enorm. Wir kämpfen jeden Tag und versuchen, alles zu schaffen.

Sie arbeiten im Schichtdienst. Von wann bis wann jeweils?

Der Frühdienst geht von 6 bis 14.20 Uhr, der Spätdienst von 13.35 bis 22 Uhr und der Nachtdienst von 21.05 bis 6.30 Uhr. Es kommt vor, dass wir in einer Woche Früh, Spät, Nacht ranmüssen.

Weil Sie kurzfristig einspringen müssen?

Genau. Es fallen schon mal Kolleginnen aus. Die Personalsituation ist angespannt.

Wie kommen Sie damit klar?

Das ist seit Monaten total heftig. Ich muss schon mal überlegen, welcher Wochentag gerade ist.

Krankenschwester: Hohe psychische Belastung und größerer Arbeitsaufwand wegen Corona-Patienten

Bleibt da Zeit für Freizeit?

Nein, gefühlt bin ich nur an der Arbeit und so geht es meinen Kollegen aber auch. Dazu arbeite ich ja mindestens jedes zweite Wochenende. Meine Freunde machen natürlich immer dann etwas, wenn ich arbeiten muss. Während meiner Freizeit versuche ich, irgendwie zu Kräften zu kommen und hoffe, dass niemand von der Arbeit anruft.

Bekommen Sie überhaupt noch Ihren Kopf frei?

Ich mache lange Spaziergänge mit meinem Dackel. Das hilft, aber der Stress ist irgendwie immer da.

Was hat sich in der Klinik durch die Pandemie verändert?

Vieles. Vor allem die psychische Belastung und der Arbeitsaufwand wegen der Corona-Patienten.

Wie kann man sich das vorstellen?

Wir haben auf der Intensivstation Isolierzimmer. Vor jedem Eintritt muss ich mir ganz genau überlegen, was ich gleich an Material und Medikamenten benötigen werde beziehungsweise benötigen könnte.

Warum?

Vor jedem Zimmer ist eine Schleuse. In diesem kleinen Vorraum mache ich mich steril. Ich wechsel die Handschuhe und die FFP3-Maske, ziehe Schutzkittel, Kopfhaube und Visier an und betrete dann erst das Zimmer. Beim Verlassen ziehe ich das alles wieder aus, schmeiße es weg und verlasse den Vorraum mit neuen Handschuhen und neuer Maske. Nur das Umziehen dauert ja schon bis zu zehn Minuten.

Arbeit mit Corona-Patienten: „Bin auch froh, wenn ich die Maske mal ausziehen kann.“

Wie viele Stunden tragen Sie die Handschuhe und Maske?

Die ganze Schicht – so sieben bis acht Stunden.

Wie belastend ist das?

Sehr. Vor allem für die Haut. Ich schwitze den ganzen Tag unter dem Kittel, unter der Maske und vor allem an den Händen. Meine Haut fühlt sich manchmal furchtbar an. Pflege ist total wichtig.

Draußen vor der Tür demonstrieren Menschen, die sich weigern, eine Maske zu tragen.

Das macht mich fassungslos. Mit einer guten Maske schützt man sich selbst und andere. Das macht viel aus. Aber ich bin natürlich auch froh, wenn ich sie in der Pause ausziehen kann.

Kommen Sie denn dazu, Pausen zu machen?

Alles ist aufwendiger geworden. Es ist manchmal schon schwierig, eine Toilettenpause zu machen, geschweige denn eine richtige Pause. Gleichzeitig bin ich total fertig. Die Arbeit fordert körperlich und psychisch sehr, und dann schwitzt man so unter diesen luftundurchlässigen Kitteln.

Gibt es denn Kollegen, die sich trotz des Schutzes mit Corona angesteckt haben?

Ja, die gibt es. Natürlich. Aber nicht bei allen ist klar, wo sie sich angesteckt haben.

Gab es denn eine Zeit, während der Sie sich gefürchtet haben, zur Arbeit zu gehen?

Ich hatte vergangenes Jahr selbst Corona. Nach der Diagnose hatte ich Angst und habe mir viele Gedanken gemacht – gerade auch nach den vielen schweren Verläufen und Toten, die ich auf der Intensivstation gesehen habe. Mittlerweile bin ich geboostert, und es stehen genügend Desinfektionsmittel zur Verfügung. Das war während der ersten Welle teilweise schwierig zu beschaffen.

Krankenschwester über Corona-Patienten: „Der Zustand verschlechtert sich rapide – wie aus dem Nichts.“

Haben Sie sich nach fast zwei Jahren an die Corona-Pandemie gewöhnt?

Nein. Dafür ist die Arbeit einfach psychisch zu belastend. Ständig begleiten wir schwerst kranke Menschen und sehen sie sterben. Viele natürlich auch ohne Corona.

Was ist mit den Corona-Patienten anders?

Wir kämpfen mit allen Mitteln und Medikamenten, die uns zur Verfügung stehen. Wir lagern die Patienten auf dem Bauch, geben Sauerstoff und legen sie notfalls ins künstliche Koma. Dann glaubt man, er ist über den Berg, wir haben ihn gerettet. Aber dann verschlechtert sich der Zustand rapide. Wie aus dem Nichts. Am Ende stirbt der Patient doch. So etwas haben wir alle noch nicht erlebt.

Stimmt es, dass die meisten Patienten mit schweren Verläufen ungeimpft sind.

Bei uns ist das so. Ein absolut klares Ja.

Aber unter den schweren Verläufen und Toten sind auch Geimpfte.

Das kommt vor. Meistens sind es ältere Patienten über 65 und mit Vorerkrankungen. Aber es kommt vor.

Wie erleben Sie die ungeimpften Patienten auf der Intensivstation?

Viele Menschen haben große Angst zu sterben. Sie haben die Krankheit unterschätzt. Einige äußern auch, dass sie sich wünschten, geimpft zu sein und versprechen, es nachzuholen, sollten sie überleben.

Hatten Sie auch schon mit Corona-Leugnern zu tun?

Zum Glück nur mit wenigen. Jüngst hatten wir einen Patienten, der uns beschimpft hat – auf der Intensivstation. Er war sehr krank. Wir haben dennoch viel mit ihm geredet, versucht, alles zu erklären. Das war mühsam, aber letztlich hat er sich sogar belehren lassen.

Und überlebt?

Ja, zum Glück. Und er hat sogar gesagt, er würde sich impfen lassen.

Krankenschwester auf Intensivstation: „Es stimmt nicht, dass die Patienten allein sterben.“

Sterbende Menschen gehören zum traurigen Alltag auf einer Intensivstation. Sind es während der Pandemie mehr geworden?

Ja, definitiv. Wir erleben mehr sterbende Menschen. Aber es stimmt nicht, dass die Patienten allein sterben. In Ausnahmefälle und auf eigenes Risiko können Angehörige kommen. Nur wenn niemand kommt oder keine Angehörigen da sind, übernehmen wir auch die Sterbebegleitung.

Haben Sie überhaupt noch die Zeit, am Sterbebett der Patienten zu sitzen?

Die Zeit nehmen wir uns. Das geht natürlich nur in einem guten Team, die Kollegen müssen das dann auffangen. Wir haben ein tolles Team, und niemand von uns möchte jemanden allein sterben lassen.

Bauen Sie während dieser Zeit ein besonderes Verhältnis zu dem Mensch auf?

Wir verstehen uns natürlich nicht mit jedem gleich gut, aber wir wechseln die Patienten im Team durch, schon um uns zu schützen.

Was geht in Ihnen dann vor, wenn ein Patient stirbt?

Ich denke mehr darüber nach als vor der Corona-Pandemie. Es beschäftigt uns alle mehr. Freunde und Familie fragen, die Nachrichten und die Zeitungen sind voll. Man entkommt Corona nicht.

Wie wichtig ist Ihr Team?

Sehr wichtig. Die Kollegen verstehen am besten, was in einem vorgeht. Es hilft total, sich gemeinsam den Frust von der Seele zu reden.

Haben Sie Angst vor Corona?

Um mich aktuell nicht. Ich habe Angst, meine Freunde oder Familie anzustecken. Ich schaue zum Beispiel regelmäßig bei meiner Familie nach dem Rechten. Aber trotz der regelmäßigen Tests ist es ja nicht ausgeschlossen, dass ich erneut positiv und ansteckend werden könnte.

Auf was wünschen Sie sich am meisten?

Dass wir die Corona-Pandemie irgendwie beenden können und darauf, endlich wieder ohne Maske arbeiten zu können.

In ganz Deutschland sehen die Intensivstationen einer drohenden Überlastung entgegen. Dabei sind 90 Prozent aller Corona-Patienten ungeimpft. (Damai D. Dewert)

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