Coronavirus

Bei Corona-Verdacht zuerst den Hausarzt anrufen

Pk zu Coronavirus-Patient aus Hessen
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Am Klinikum Wetzlar wird ein Coronavirus-Patient behandelt. Er ist der dritte nach den beiden Rückkehrern aus Wuhan in Frankfurt.

Wir beantworten Fragen zum aktuellen Umgang mit dem Virus in Hessen. Frankfurter Experten klären auf.

  • Das Coronavirus hat Hessen erreicht
  • Die Menschen sind beunruhigt
  • Der Direktor der Uniklinik gibt Ratschläge

Mit der Zahl der Infizierten steigt die Verunsicherung der Bevölkerung. „Die Telefone stehen nicht mehr still“, sagt Jürgen Graf, Ärztlicher Direktor der Uniklinik Frankfurt. Es seien viele Gerüchte im Umlauf. „Präzise Informationen sind das A und O“, sagt Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) am Freitag in Frankfurt. Die Lage sei dynamisch, heißt es. Was heute noch gelte, könne morgen schon hinfällig sein. Das Wissen um das Virus sei nach wie vor gering.

Gibt es genug Laborkapazitäten?

Die Zahl der Verdachtsfälle steigt, sagt die Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie der Frankfurter Uniklinik, Sandra Ciesek. Dort und an der Uni Marburg werden die in Arztpraxen und Kliniken genommenen Proben auf Sars-CoV-2 getestet. Aktuell reichten die Kapazitäten von 200 Tests pro Tag noch aus. „Aber das wäre auch steigerbar.“

Coronavirus: Meist verläuft die Krankheit milde

Funktioniert der Nachschub in den Krankenhäusern?

Mit Engpässen rechnet Graf bei in China hergestelltem Mundschutz, Handschuhen oder Kathetern. „Da wird es Probleme geben.“ Auch bei Medikamenten. Die Kliniken reagierten darauf mit einem „besonnenen Einsatz“.

Reichen die Klinikbetten?

Bei 80 Prozent der Betroffenen verlaufe die Krankheit milde. Die müssten nicht in ein Krankenhaus, häusliche Quarantäne reiche aus. Für die schweren Fälle stünden in den Frankfurter Kliniken ausreichend Betten bereit, versichert Graf. „Wir haben exakt so viele, wie wir brauchen.“

Wie läuft das mit der Quarantäne, wenn der Betroffene nicht alleine wohnt?

Diese Leute würden anderorts untergebracht, sagt Gesundheitsamtsleiter René Gottschalk und erinnert an die aus Wuhan zurückgekehrten Deutschen, die 14 Tage in einer südpfälzischen Kaserne unterkamen. Ähnliches sei in Frankfurt auch möglich. „Wir können gegebenenfalls Kapazitäten abrufen.“

Coronavirus: Noch keine Hamsterkäufe in Frankfurt

Gab es eine solche Pandemie schon einmal?

Im Jahr 2009 waren alleine in Frankfurt 145 000 Menschen von der Grippe-Pandemie betroffen, sagt Gottschalk. Es gebe keinen Anlass zur Unruhe: „Diese Pandemie wird an uns vorübergehen.“

Sind Hamsterkäufe berechtigt?

Nach Beobachtung des Amtsleiters sind in den Frankfurter Geschäften noch alle Artikel erhältlich. Er sehe keinen Grund zur Sorge, dass sich daran etwas ändert. In China sei die Situation eine andere, weil dort Städte komplett abgeriegelt worden seien. „Das sehe ich für die Zukunft nicht in Deutschland.“

Wohin sollte man sich wenden, wenn man glaubt, infiziert zu sein?

Den Hausarzt anrufen, um zunächst abzuklären, ob es einen Bezug zu einem der Risikogebiete gibt. Im Verdachtsfall und nur dann nimmt der einen Abstrich und schickt die Probe ins Labor. Das benötigt rund vier Stunden, um sie zu untersuchen. Außerhalb der Praxisöffnungszeiten ist der Ärztliche Bereitschaftsdienst, Telefon 116 117, zuständig.

Veranstaltung

„Coronaviren – eine neue Gefahr für uns alle?“ ist Titel des Perspektivengesprächs des House of Pharma & Healthcare am Montag, 2. März, ab 18 Uhr im Casino, Nina-Rubinstein-Weg 1, Campus Westend, Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Mit dabei: Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie der Universitätsklinik Frankfurt, und Professor René Gottschalk, Leiter des Gesundheitsamts. Anmeldung: www.houseofpharma.de/corona. jur

Gibt es weitere Pläne für den Flughafen?

„Mehr verschärfen kann man nicht“, sagt Gottschalk. Jeder Pilot muss neuerdings vor der Landung melden, dass die Passagiere frei von Infektionen sind. Passagiere aus den Risikogebieten müssen sogenannte Aussteigerkarten ausfüllen, die im Gesundheitsamt aufbewahrt werden. „Auf Dauer geht dieses Verfahren aber nicht.“ Inzwischen steckten sich ja auch die Menschen innerhalb von Deutschland an.

Steigt die Zahl der Kranken explosionsartig an?

Nein, sagt Gottschalk. Es würden nur mehr Menschen getestet. Umgekehrt verläuft die Krankheit bei vielen so milde, dass sie es gar nicht merken, sagt Ciesek. Sie geht davon aus, dass es viel mehr Erkrankte gab und gibt als die offizielle Zahl von weltweit 80 000. „Die absolute Prozentzahl an Sterblichkeit wird vermutlich überschätzt.“

Wann ist mit einem Abklingen der Krankheitswelle zu rechnen?

Wenn es wieder wärmer wird und die Menschen sich nicht mehr ständig in Räumen aufhalten, sagt Gottschalk. Seine Prognose: „Ich denke, dass wir in eineinhalb Monaten den Zenit überschritten haben.“

Coronavirus: Menschenansammlungen meiden

Könnten Großveranstaltungen abgesagt werden?

Das hängt immer von den Teilnehmenden ab, so Gottschalk. Bei der Messe „Light + Building“ kamen viele Aussteller aus Risikregionen. Das Gesundheitsamt riet, die Betroffenen erst zu testen. Angesichts des Aufwands sagten die Veranstalter die Messe ab.

Besteht Ansteckungsgefahr an Tischen oder Türgriffen?

Anders als bei Noroviren oder Hepatitis sind Gegenstände nicht der Übertragungsweg, sagt Gottschalk. Sonst würde sich das Virus explosionsartig ausbreiten und nicht linear.

Ist einzig die Uniklinik an den Vorbereitungen beteiligt?

Alle hessischen Kliniken stehen in engem Austausch mit den Gesundheitsämtern und dem Sozialministerium. Auch die Universitätsmedizin Mainz hat am Freitag über ihre Vorbereitungen informiert. Bereits nach den ersten Meldungen aus China habe sie „systematisch Maßnahmen hinsichtlich Aufklärung, Personalschulung, Materialeinkauf, Diagnostik und Therapie sowie Logistik ergriffen“. Für die Behandlung der Patienten seien geeignete Räume und alle erforderlichen Materialien vorhanden.

Wie kann ich mich schützen?

Das Sozialministerium rät: in die Armbeuge husten oder niesen, Einmaltaschentücher verwenden und nach jedem Gebrauch entsorgen, Händeschütteln vermeiden, gründliches und regelmäßiges Händewaschen, nicht mit den Händen Nasen-, Mund- und Augenschleimhaut berühren, möglichst Menschenansammlungen meiden.

Zusammengestellt von Jutta Rippegather

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