So war das damals: Ziegenhainer Salatkirmes im Jahr 1924

Kirmesumzug in der Ziegenhainer Wiederholdstraße um das Jahr 1936, rechts im Bild eine Hakenkreuzfahne.

Ziegenhain. Das ist Tradition: Am zweiten Wochenende nach Pfingsten - von Freitag bis Montag, 24. bis 27. Juni - steht Ziegenhain auch in diesem Jahr wieder ganz im Zeichen der Salatkirmes.

Das dies auch im Jahre 1924 schon so war, belegt ein Zeitungsartikel aus dem Hessenspiegel, einer Wochenzeitung für Heimat, Kunst und Dichtung, den uns Wolfgang Riemer aus Wentorf (Schleswig Holstein) zusandte. Er fand diesen Artikel im Nachlass seiner Großmutter Hilde Deubner.

Eindrucksvoll beschreibt der Artikel die Vorfreude auf das große Fest der Ziegenhainer: In der Allee liegen vier weiße Tanzböden, Tische und Bänke werden eingepflockt für müde und hungrige Kirmes, Kinder umlagern den Zeppeliner - nur der Kasper ist noch nicht das. Unser Festzugs-Foto, das aus der Sammlung von Anneliese Heipel-Biedebach stammt, ist vermutlich einige Jahre später entstanden. (syg)

Am 24. Juni 1924 schrieb Hilde Deubner ein Tagebuch für den Hessenspiegel. Hier einige Auszüge: „Nun hat die Kirmes begonnen, die lustige Kirmes, für mich und alle Kinder. Die ersten braun und weiß gestrichenen Wagen mit den kleinen bunten lachenden Fensterlädchen, haben sie hereingefahren auf den Platz unter den Linden. (...) Für die Frauen hat die Kirmes schon seit acht Tagen angefangen. Aber sie wissen nichts davon. Denn Kirmes ist Freude und Ausgelassenheit und Ausleben all der Lust in unserm Blut. Aber die Frauen haben noch keine Freude. Groß-Reinemachen haben sie, damit ihr Hausfrauenstolz sich vor den Augen der vielen Kirmesgästinnen nicht zu demütigen braucht und Hausputz ist Arger, Unruh und Hast, die zu dritt über nasse Dielen laufen, sich an zusammengestellte Möbel stoßen und mürrisch durch beseifte vorhanglose Fenster seufzen. Ich aber will mich freuen auf die Kirmes, wie die Kinder.

Und für den Festausschuss und die Festordner hat Kirmes noch eher begonnen. Aber die haben auch keine Freude davon. Wenn Menschen sich ein Fest bereiten wollen, so haben sie viel Arbeit davon und Mühe; und Zank und Verdruss kommen von selbst dazu.

(...)Die Allee schwärmt von Kindern, von allen Kindern Ziegenhains, die den Kirmeswagen nachgezogen sind wie einstens Hamelns Buben und Mädchen den süßen Tönen von des bösen Rattenfängers Flöte. (...)Und die Erwachsenen legen ihren Abenderholungsgang in die Allee und die Neigierigen sitzen heut nicht auf der redseligen Hausbank, sondern auf der Kirmesbank unter den Linden. Die weiß heut mehr und schöner zu erzählen, denn sie sieht allem zu.

Die Abendzeitung trägt heute eine große Glocke in der Hand und schellt aus: „Sonntag ist Kirmes!“ „Und Montag auch noch einmal!“, fügen alle Ziegenhainer vorfreudevoll hinzu. Der erste Blick ins Tageblatt sucht jetzt immer, „Was gibts Neues von der Salatkirmes?“ Und der alte Schindler, unser Orginal von Stadtdiener, rappelt den Kirmesplatzanwohnern aus: „Schafft euer Holz ins Haus, sonst kriegte zur Kirmes Beine!“

Bei der Milch muss ich heut eine ganze Stunde warten, so drängen sich Kannen und Töpfe, Bierseidel und andere milchfremde Gefäße nach vieler Kuhmilch, denn zu Kirmes wird mehr gebacken und besser als sonstwann. Denn die Gäste kommen viel zur Kirmes mit großem Magen und empfindlichen Gaumen. Und der Fleischen, der sonst ein halbes Rind schlachtete, stellt beim Festeratenbestellen stolz alles zur Verfügung: Schwein, Rind, Hammel oder Kalb und alle Sorten Wurst. Es ist ja Kirmes!

(...) Noch wichtiger aber als Milchtöpfe und Milch sind jetzt Wasser und Gießkanne. Das wissen die Sprudelköpfe auch, denn sie bruseln immerzu, wenn sie aus ihren vielen Mündern immer und immer wieder das Wasser auf die grünen Salatköpfchen in all den Gärten und Freiländchen niederrieseln: „Salatkirmes, Kirmessalat, wer zu Kirmes keinen Salat, keine rechte Kirmes hat. Salatkirmes, Kirmessalat.“

Der Volksmund erzählt, Ziegenhain habe einst das Recht zu dieser Kirmes von der Nachbarstadt Treysa abgekauft, für einen Korb voll Hutzeln. Ob dem so ist? Oder ob der Stolz der Ziegenhainer auf ihre schöne, berühmte, von Fremden besuchte und bewunderte Schwälmer Kirmes diese Mär erfunden hat? -

Das ist ein Leben im Leben! Eine Kleinstadt in der Kleinstadt! Nein, eine Großstadt in der Kleinstadt, wenn lauter Lärm und hastiges Schaffen das Wesen einer Großstadt ausmachen. Und die Kinder sind aus Ziegenhain hinaus- und in diese neue Welt hineingewandert, ganz und gar, in diese kinderbunte Welt, wo alles noch blankere Augen hat - und immer mal hüpft und tanzt und wo’s soviele schöne Bilder gibt. Und Hoffnung kann nicht begreifen, dass noch immer Schule ist, wo doch die Kirmes schon begonnen hat und wo man doch gar nicht in sie hinein kann, weil ein Kirmeshaus davorsteht.

Und nun hämmern sie die Tanzböden fest mit großen hölzernen Schlägel, Schlag um Schlag. Und nageln den Sperrdraht ringsum und schmücken ihn mit Jungtannen an jeder Ecke eine. Die Sonne lacht und ausgelassene Kinderfüße sind die ersten, die die Tanzböden versuchen und übermütig herumtollen voll Freude am dröhnenden Schall, wie dem echten Volkstanz sie eigen ist. Ja, gerade vor unseren Fenstern schimnert der weiße Schwälmer Tanzboden. -

Das Fliegerkarusell das schon halb stand, rüstet wieder ab. Es soll ein neues, größeres, ein Zeppelin-Karusell kommen. - Zuckerbude um Zuckerbude richtet sich auf, viel zu viele für mein Ermessen und eine Ringwerfbude und das Glücksrad. Und die Schießhalle ist bald fertig zum Schuss.

In der Allee liegen jetzt vier weiße Tanzböden, dass sich die Musikanten auch bezahlt machen und dass der Tanz weiß, wo er alle die ihm huldigenden Paare unterbringen soll. Tische und Bänke werden eingepflockt für müde, hungrige und durstige Kirmesgäste. Und der Bier- und Kaffeeausschank stellt sich breitbeinig in den Hintergrund. Die Kinder aber umlagern alle den Zeppeliner. Nur Kasperle ist noch nicht da, der abends so groteske lautlose Schatten wie geisterhafte Gespenster an der gelben Hauswand tanzen lässt. Mir ist’s, als lebten und spielten sie da oben in den unsichtbaren Nachtlüften, ihr lautlos, geisterhaftes Spiel."

(Hilde Deubner, Hessenspiegel - 24.6.1924)

Quelle: HNA

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