„Die Menschen funktionieren nur noch“

Frielendorfer war im Hilfseinsatz an der Ahr

Mit Trinkwasser und Lebensmitteln beladen war der Ford Ranger samt Anhänger von Klaus-Dieter Rohr aus Frielendorf – der geländegängige Wagen wurde von der Feuerwehr direkt in betroffene Orte geschickt.
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Mit Trinkwasser und Lebensmitteln beladen war der Ford Ranger samt Anhänger von Klaus-Dieter Rohr aus Frielendorf – der geländegängige Wagen wurde von der Feuerwehr direkt in betroffene Orte geschickt.

Bei der Unwetterkatastrophe haben viele Menschen ihr ganzes Hab und Gut verloren – Klaus-Dieter Rohr aus Frielendorf war im Krisengebiet und berichtet vom Ausmaß der Verwüstung.

Frielendorf. „Ich habe schon viel gesehen – aber bis ich das verarbeitet habe, werde ich noch einige Tage brauchen“, sagt Klaus-Dieter Rohr. Der 59-Jährige aus Frielendorf war am Wochenende im Krisengebiet an der Ahr, in Orten, die besonders schwer von der Unwetterkatastrophe getroffen sind. Mit seinem geländegängigen Ranger war er am Sonntag aufgebrochen, um zum helfen. Im Gepäck drei Tonnen Lebensmittel, eine Tonne Wasser und die Adresse der Familie Moog aus Königsfeld in der Eifel, die eine private Sammelstelle eingerichtet hat.

In Löhndorf bei Sinzig wurde eine Fabrikhalle kurzerhand in eine Sammelstelle für Hilfsgüter umgewandelt.

Das Ziel des Ehepaars Rohr war zunächst der Ort Sinzig, wo die Helfer von der Feuerwehr empfangen wurden. „Wir sollten bis zur nächsten Polizeiabsperrung fahren und dann rein in den Ort, Wasser verteilen“, berichtet der 59-Jährige. Über eine Brücke ging es ins Dorf, direkt dahinter bot sich das unfassbare Ausmaß der Zerstörung. Schlamm, Müllberge, dazwischen Autos und Menschen, „von oben bis unten mit Schlamm bedeckt“, die in dem, was das Wasser übrig gelassen hatten, nach dem wenigen noch brauchbaren Hab und Gut suchten. „Eine Frau kam zu mir und fragte, ob wir das Wasser kostenlos verteilten“, erinnert sich der Frielendorfer. „Da wurde aus purer Verzweiflung gearbeitet“, schildert Rohr seine Eindrücke. „Die Menschen da denken nicht mehr nach, die funktionieren nur noch.“

Menschen sind für Hilfe dankbar

Am Ende der Dorfstraße dann plötzlich Sackgasse, die Wucht des Wassers hatte die Straße komplett weggespült. Die Brücke, über die die Rohrs in den Ort gefahren waren, war für den Rückweg nicht mehr befahrbar – „sie war inzwischen von Statikern als einsturzgefährdet eingestuft worden“. Dank Ortskundiger fand sich mit dem Ranger eine Route hinaus, weiter in den Ortsteil Löhndorf. „Hier herrschten totales Chaos und Stau – eine Firma hatte ihre Halle geräumt, um Lebensmittelspenden und Hilfsgüter entgegenzunehmen“, erzählt Rohr und berichtet auch hier von Schlammbergen, herumliegendem Geröll, entwurzelten Bäumen und Schutt – „es war der absolute Wahnsinn“.

Das Aufräumen wird in der Katastrophenregion wohl noch Wochen dauern, der Wiederaufbau sicher Jahre.

Die Menschen im Ort sind überwältigt von der Hilfe, aber vor allem traumatisiert: „Ein Mann hat mir von all dem erzählen wollen, mitten im Satz hat er angefangen zu schluchzen – aus tiefstem Herzen“, erzählt der Frielendorfer. Die Firmenchefin sei seiner Frau vor Freude über die Lebensmittel um den Hals gefallen, eine andere Frau sei vollkommen aufgelöst gewesen über eine gespendte Kaffeemaschine und soll gesagt haben: „Das ist das erste Stück meiner neuen Einrichtung – ich habe nichts mehr.“ Überall im Ort seien quasi Feldküchen aufgebaut gewesen, um die Menschen mit Essen zu versorgen – „aus meiner Sicht private Initiativen von Helfern aus umliegenden Orten“.

Nachdem das Wasser abgeflossen war, zeigte sich in den Orten entlang der Ahr das komplette Ausmaß der Schäden.

Die Rohrs sind nach ihrer Rückkehr weiter in Kontakt mit der Familie Moog. Was jetzt vorrangig fehle, sei Waschmittel, sagt der 59-Jährige. Auch Powerbanks, also mobile Zusatzakkus für Smartphones, würden dringend gebraucht. „Aber ich brauche erstmal ein paar Nächte, um das alles zu verarbeiten“, sagt Klaus-Dieter Rohr. (Sandra Rose)

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