Diffamiert und verhöhnt

Kunstbetrachtungen: Konrad Nachtwey sprach über Futurismus und Entartete Kunst

Werk von Carlo Carra: Konrad Nachtwey erklärte am Donnerstag im Museum der Schwalm unter anderem die Epoche des Futurismus. Foto: Rose

Ziegenhain. „Futurismus in Italien, entartete Kunst in Deutschland – ein Vergleich“ – so lautete das Thema der Kunstbetrachtungen am Donnerstagabend im Museum der Schwalm: Konrad Nachtwey stellte zwei faschistische Systeme gegenüber: „Und ihren so unterschiedlichen, bisweilen aberwitzigen Umgang mit der Moderne“, erklärte der Kunsthistoriker.

Die Nazis etwa konnten ihre Kunst nicht zum Zeichen ihrer Zeit machen. Anders sei dies beim Futurismus gewesen – einer aus Italien stammenden avantgardistische Kunstbewegung.

„Sie erhob den Anspruch, eine neue Kultur zu begründen“, sagte Konrad Nachtwey. Der Einfluss des Futurismus sei wesentlich von Filippo Tommaso Marinetti geprägt worden. Und dessen erstes futuristisches Manifest von 1909. Einher sei diese Richtung jedoch mit der Einigung Italiens 1860 gegangen. Marinetti habe vor allem die Schriftsteller beeinflusst. Sie wetterten gegen den Staat und schrieben: „Italien ist ein Markt von und für Trödler.“ Die Forwärtsbewegung, der Wunsch nach Zerstörung aktueller Werte, habe sich in der futuristischen Malerei widergespiegelt.

Carlo Carra ließ sich etwa 1914 für eines seiner Bilder vom Krieg beflügeln. „Hierbei bediente er sich in erster Linie geometrischen, also kubistischen Formen“, verdeutlichte der Experte. Im Futurismus entwickelte sich eine eigenständige Malerei – Aero Pentura, die Darstellung von Flugzeugen. „Futuristen standen für moderne Utopien.“ Im Porträt bildete Carra Marienetti nicht naturgetreu ab, sondern lenkte den Fokus auf dessen „stechenden Blick“.

Propaganda-Ausstellung

Als „Entartete Kunst“ galten im NS-Regime alle Kunstwerke und kulturellen Strömungen, die mit dem Kunstverständnis und dem Schönheitsideal der Nationalsozialisten nicht in Einklang zu bringen waren. Zu sehen war „der Schund“ in einer Propagandaausstellung in München. „Darunter viele Werke von Ernst-Ludwig Kirchner und Otto Dix“, erläuterte Konrad Nachtwey.

„Je fortgeschrittener und hoffnungsloser der Kriegsverlauf und je unrealistischer die tatsächliche Realisierung, desto maßloser wurden die Pläne.“

Konrad Nachtwey

Auch Bilder des Nationalsozialisten und Malers Emil Nolde wurden diffamiert. „1941 wurde er aus der Reichskammer der bildenden Künste – letztlich eine Schmiede der Gesinnungsfreunde – rausgeschmissen, wodurch ihm die professionelle Arbeit als Künstler untersagt blieb“, erläuterte der Kunsthistoriker.

Wuchtige Pfeiler

Die Architektur habe im fortschreitenden Faschismus immer monumentalere Formen angenommen: Architekten wie Paul Bonatz und Albert Speer entwarfen gigantomanische Gebäude, breite Freitreppen, wuchtige Pfeiler und schnurgerade Prachtstraßen.

„Je fortgeschrittener und hoffnungsloser der Kriegsverlauf und je unrealistischer die tatsächliche Realisierung, desto maßloser wurden die Pläne“, sagte Nachtwey. (zsr)

Von Sandra Rose

Quelle: HNA

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