Dirne aus Böddiger war Gast im Felsberger Stadtarchiv

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Premiere im Felsberger Stadtarchiv: Petra Dombrowski, links, zeigte die Filmdokumentation „Roadmap einer Göttinger Straßendirne” und interviewte danach Elisabeth H., eine Felsberger Prostituierte um 1900. Die Schauspielerin Kerstin Börst (rechts) stellte die aus Böddiger stammende Dirne dar. Dafür gab es viel Lob von Frank Fulda-Lengen vom Stadtarchiv.

Gensungen. So wird Archivarbeit zu einem spannenden, unterhaltsamen Abend: Im Felsberger Stadtarchiv wurde die Geschichte der aus Böddiger stammenden Kontrolldirne Elisbeth H. wieder lebendig.

Dargestellt von der Göttinger Theaterpädagogin, Romanistin und Schauspielerin Kerstin Börst trat Elisabeth H. als eine Prostituierte um 1900 als Spezialgast auf.

Der Anlass: Archiv und Stadtjugendpflege präsentierten „Roadmap einer Göttinger Straßendirne” (siehe Hintergrund). Im Anschluss stand Elisabeth H. der Designerin Petra Dombrowski Rede und Antwort. Und am Ende gab es namens des Stadt-Archivs ein Kompliment von Frank Fulda-Lengen: „Böddiger hat so schöne Frauen, dass dafür Geld bezahlt wird.”

Elisabeth H. (1879-1951) machte ihre Schönheit zum Kapital. Sie war das dritte von neun Kindern eines Federviehhändlers. Die Mutter starb, als sie elf war. Weil sie von der Stiefmutter kommandiert und schlecht behandelt wurde, ging sie mit 14 als Dienstmagd in einen gut situierten Haushalt nach Kassel. Dann wurde sie Kontrolldirne: Sie war bei der Sittenpolizei registriert und musste regelmäßig zur Kontrolle. Mit 20 heiratetet sie Karl, „der ein guter Kunde war”, sie später aber auch schlug. Auch nach der Hochzeit ging sie weiter auf den Strich, 1911 ließ sie sich scheiden, 1912 heiratete sie Josef. Eine Liebesheirat, wie Elisabeth H. sagt. Josef hatte nichts dagegen, dass sie weiterhin Prostituierte war: „Ich war ja gut im Geschäft.”

Erschütternd waren die Schilderungen darüber, wie es ihr im Frauenknast erging. Weil die kecke Frau aufmüpfig, vorlaut und frech war, saß sie mit Unterbrechungen mehrere Jahre im so genannten Arbeitshaus Breitenau. Das nannte man wegen der von den Häftlingen geforderten Knochenarbeit auch Knochenmühle. Eng und dreckig sei der Dunkelarrest gewesen, und weil sie Hunger hatte, habe sie während der harten Feldarbeit die Äpfel von den Ästen geschlagen. Trotz des gut gemeinten Ratschlags des Gefängnispfarrers nach der letzten Entlassung, einen ehrbaren Beruf zu ergreifen, war sie weiter Prostituierte - weil sie gut im Geschäft war.

War Böddiger zunächst geheim gehalten worden, so konnte man am Samstag im Archiv Kopien der Original-Unterlagen des Felsberger Standesamtes einsehen.

Quelle: HNA

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