Bernd Kuha berichtet, wie er Weihnachten 1949 in Obergrenzebach erlebte

Erinnerungen: Das Dreirad fährt und fährt

Alte Dorfansichten: So sah Obergrenzebach aus, wie es Bernd Kuha in seiner Kindheit erlebte. Foto: privat/nh

Schwalmstadt. Meine Eltern und ich lebten als Vertriebene in Obergrenzebach auf einem Bauernhof in einem alten Fachwerkhaus. Wir bewohnten zu dritt im ersten Stock zwei Räume.

Eine Wohnküche mit Kaltwasserhahn – weil es keine Abwasserleitung gab, das Schmutzwasser einfach in einem Blecheimer aufgefangen und auf dem Hof in die Jauchegrube geschüttet – sowie eine Schlafkammer, in der lediglich zwei Betten und mein Kinderbettchen Platz hatten.

Mein Vater arbeitete als Schreiner. Täglich fuhr er auf einem klapprigen Fahrrad zur Werkstatt nach Ascherode. Meine Mutter half auf dem Bauernhof unseres Vermieters aus und wurde dafür mit Speck und Wurst aus der Hausschlachtung entlohnt.

Bernd Kuha

An Heilig Abend, einem Samstag, kam mein Vater von der Arbeit nicht wie sonst üblich spät abends, sondern schon nachmittags nach Hause. Gegen Abend gingen meine Mutter und ich gemeinsam mit der Familie unseres Vermieters zum Gottesdienst. Mein Vater blieb zu Hause, da er ja noch den Christbaum aufzustellen und zu schmücken hatte, um anschließend den Weihnachtsmann zu empfangen. Der Gottesdienst dauerte gefühlt eine Ewigkeit. Was würde der Weihnachtsmann wohl gebracht haben?

Zu Hause angekommen, empfing uns mein Vater bereits im Treppenhaus. Wir traten in unsere Wohnküche ein, die zu einem wunderschönen Weihnachtszimmer geworden war: Eine Tanne erstrahlte im Licht der gleißend sprühenden Wunderkerze und den flackernden Wachskerzen. Wenige weiße, spiegelnde Glaskugeln, leckere bunte Zuckerkringel sowie rotbackige Äpfel hingen an ihren Zweigen. An der Spitze funkelte schwach ein silberfarbener Drahtstern im Kerzenlicht. Am Fuß des Baumes stand ein farbiger Pappteller mit Plätzchen und Nüssen. Und unter dem leuchtenden und nach Wald duftenden Weihnachtsbaum stand: ein Dreirad.

Jahrzehnte später erzählte mein Vater, dass er das          Dreirad bereits im Frühjahr 1949 auf seinem Weg durch die Kreisstadt Ziegenhain zur Arbeitsstelle im Schaufenster eines Geschäftes gesehen hatte. Es kostete 16 Mark, eine erschreckend hohe Summe. Obwohl das Dreirad einen Wochenlohn kostete, sollte es zum Weihnachtsgeschenk für mich werden. Jeden Samstagabend hielt er nun auf seinem Heimweg von der Arbeitsstelle mit seiner Lohntüte am Geschäft an und „stotterte“ ab sofort über 30 Wochen lang meistens 50 Pfennig, seltener eine Mark, beim Verkäufer ab, bis das Dreirädchen endlich Anfang Dezember 1949 ganz bezahlt war.

Das Dreirad erwies sich als über die Maßen robust. Es wurde von mir nie geschont und auf dem Bauernhof wie auch später nach unserem Umzug in Neuwied über Stock und Stein gejagt. Nun existiert es bis heute schon 65 Jahre ohne Rost und noch mit dem ersten Lack sowie den mittlerweile harten Vollgummireifen. Wenn unser vierjähriger Enkel Jesper, der zu Hause in Köln ein modernes Kinderzweirad fährt, uns besucht, fordert er Opas altes Dreirad aus der Schwalm vom Speicher und fährt damit im Haus und im Garten mit viel Spaß und sichtlicher Freude umher. Von Bernd Kuha

Bis zu seinem Ruhestand arbeitete Bernd Kuha als Förderschullehrer im Landkreis Neuwied. Er ist verheiratet, hat zwei Söhne und einen Enkel. Bernd Kuha besucht immer noch regelmäßig seine Freunde in Obergrenzebach.

Quelle: HNA

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