Wegen rassistischer Beleidungen

Er drohte mit den Skinheads: 78-Jähriger vor Gericht

Fritzlar. Wegen übler Beleidigungen, Beschimpfungen und rassistischer bis faschistischer Drohungen muss sich ein 78-Jähriger aus dem Landkreis vor dem Amtsgericht in Fritzlar verantworten.

Vor dem Richter sitzt ein 78 Jahre alter Angeklagter, versunken in seiner braunen Jacke. Er bittet das Gericht, sein Hütchen nicht abnehmen zu müssen, da er sonst unerträgliche Kopfschmerzen bekommen würde.

Der Staatsanwalt verliest die Anklage. Der Angeklagte störte danach in Bad Zwesten und anderen Orten den allgemeinen Frieden. Das begann mit Beleidigungen, Beschimpfungen, Verächtlichmachung und ging schnell über in rassistische und faschistische Formulierungen.

Dazu zählten Briefe und Karten an verschiedene Zeitungen, wie etwa HNA oder Frankfurter Rundschau. Telefonischen Kontakt nahm er auch mit einer Schule auf. Um dort Ordnung zu schaffen, würde er Skinheads mit Baseballschlägern vorbeischicken.

Der Staatsanwalt bezeichnet diese Äußerungen und das Verhalten als „übelsten Nationalsozialismus“. Der Angeklagte teilt auf Befragen mit, er hätte der Verlesung der Anklage nicht so schnell folgen können. Doch alles, was gesagt wurde, sei richtig und es täte ihm furchtbar leid.

Er wisse nicht, weshalb er sich so verhalten habe, und er würde sich für alle Worte entschuldigen. Die erwähnten Kontakte zu Skinheads und dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) besäße er nicht. Er hätte das alles nur Zeitungsberichten entnommen. Er habe sich in der betreffenden Zeit von Schülern bedroht gefühlt und in panischer Angst gelebt.

Das Gericht bittet um die Schilderung des Lebenslaufes. 1935 wurde der Mann in einem Dorf in der Region geboren. Sein Vorbild, der große Bruder, war bereits in der Hitlerjugend. Das war 1945 zu Ende.

Als Jugendlicher ging er nach Süddeutschland. Er war in verschiedenen Verwaltungen als Aushilfe tätig. Noch vor dem fünfzigsten Lebensjahr erfolgte aus gesundheitlichen Gründen die Berentung.

So kam er ins Elterhaus zur noch lebenden Mutter zurück. Privat hatte er sich nie gebunden. Aber auch nicht in Vereinen oder Parteien. Das seien alles Individualisten und keine echte Volksgemeinschaft.

Manchmal versteht der Angeklagte die Fragen nicht. Dann wieder erläutert er sein reges Interesse am Tagesgeschehen. Er liest verschiedene Zeitungen.

Im Fernsehen hätte er gerade eine Dokumentation über den BDM (Bund Deutscher Mädchen bis 1945) gesehen, und Thilo Sarazin sei ein Genie. Fasziniert sei er vom aktuellen Bestseller „Deutschland von Sinnen“ von Akif Pirinçci.

Die Verhandlung wird für heute vom Gericht als beendet erklärt. Der Angeklagte leidet an Konzentrationsschwäche, deshalb sind mehrere Termine vorgesehen. (me)

Quelle: HNA

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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