Bäume ohne Rücksprache gefällt

EAM rodet versehentlich Obstgarten: Eigentümerin verlangt Entschädigung

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Wo Bäume und Büsche waren, sind nur noch Stümpfe, Wurzeln und Unkraut: Elke Schweizer (77) aus Ascherode auf ihrem gerodeten Land. Sie möchte eine Entschädigung für den Verlust der Obstgehölze, oben im Bild die Stromfreileitung.  

Ascherode. Elke Schweizers Obstgarten wurde Ende Februar versehentlich von dem Energieversorgungsunternehmen EAM gerodet. Nun verlangt die Seniorin eine Entschädigung.

Als Elke Schweizer das Ausmaß realisierte, war sie wie vom Donner gerührt. Ihr Sohn berichtete es ihr, er hatte es bei einem Spaziergang mit den Hunden entdeckt: Alle Bäume auf ihrem Land an den Teichwiesen, gar nicht weit von ihrem Anwesen in Ascherode, waren gefällt worden. Von Stämmen, Büschen und Hecken blieben nur Stümpfe stehen. Das war Ende Februar.

Jetzt wandte sich die 77-Jährige an die HNA, denn passiert war seit dem Spätwinter nicht viel. „Ich fand heraus, dass die EAM ein Unternehmen beauftragt hatte, und der Chef dieses Unternehmens kam einige Tage später auch zu mir und entschuldigte sich, es sei ein Versehen gewesen.“ Doch wo sie sich danach auch Rat zu holen versuchte – bei aller Empörung über das Geschehene – passierte wochenlang rein gar nichts. Weder die EAM noch die Naturschutzbehörde oder sonst irgendjemand meldete sich.

Auf unsere Nachfrage reagierten Auftraggeber EAM und der Unternehmer überrascht, schließlich habe sich der Firmeninhaber doch sehr entschuldigt. Die Arbeiter hätten den Auftrag gehabt, den Bewuchs unter der Freileitung freizuschneiden. Beide argumentierten gegenüber der HNA, Elke Schweizer hätte doch Forderungen formulieren können.

Das aber kam bei der 77-Jährigen Witwe anders an. Sie rechnete von der Gegenseite mit einem Vorschlag für einen Schadensersatz.

Jahre zuvor hatte sie dem Energieversorger zwar erlaubt, Äste unter der Leitung zu kappen, doch solch einen Kahlschlag müsse sie doch wohl nicht einfach so hinnehmen. Traurig sei sie auch deshalb, weil das biotopartige Grundstück aus Familienbesitz ihres Vaters Seite stammt und ihrer schon verstorbenen Tochter gehört hatte. Die emotionale Seite sei nur das eine, der Obstertrag fehle ihr sehr, erzählt Elke Schweizer. „Ich habe es den Tieren auf meiner kleinen Ranch verfüttert.“ Auf dem beschaulichen Gnadenhof leben ein Esel, zwei Ziegen, drei Hirsche, sechs Gänse und Hühner. Das beurteilen die EAM und der Lohnunternehmer anders, was für Elke Schweitzer ein Biotop war, ist für die EAM nichts Erhaltenswürdiges gewesen: „Da die stark verwilderte Fläche am Ortsrand liegt und die betroffenen Obstbäume länger nicht mehr abgeerntet wurden, ist das Unternehmen irrtümlich davon ausgegangen, dass es sich um eine städtische Fläche handelt.“

Auch der Unternehmer sagte gegenüber der HNA, dass die sieben Bäume nicht mehr abgeerntet werden konnten, dazu sei der Bewuchs zu dicht gewesen. Schweizer hält dagegen, es sei teils besonders hochwertiges Obst gewesen, Boskopäpfel, Zwetschgen und Birnen. Nach unseren Anfragen suchte der Unternehmer erneut das Gespräch mit Elke Schweizer, bot Neupflanzungen an oder die Zahlung von 500 Euro.

Das aber ist der Familie Schweizer bei Weitem nicht genug. Zumal auch noch das Holz entsorgt worden sei, das sie gern selbst verfeuert hätte. Nun bietet das Unternehmen an, auch noch Brennholz anzuliefern, aber eine höhere Geldforderung ist es nicht bereit zu zahlen.

Es sieht ganz so aus, dass Elke Schweizer auf dem angerichteten Schaden sitzenbleibt. 

Hintergrund: Naturschutzbehörde ist nichts bekannt

Die Stadt Schwalmstadt hat keine Baumschutzsatzung oder -ordnung. Im Sommer (März bis Ende September) sind Fällungen grundsätzlich zu vermeiden. In Zweifelsfall bzw. im Außenbereich ist die Untere Naturschutzbehörde zu beteiligen, vor allem bei Naturdenkmälern. Bei der Naturschutzbehörde (Homberg) kam der Fall Schweizer nicht an.

In der Antwort des Kreises heißt es, Energieversorger müssen im Rahmen ihrer Fürsorge- und Verkehrssicherungspflicht den ordnungsgemäßen Betrieb der Leitungen sicherstellen, „dazu gehört auch der Rückschnitt von Gehölzen“. Der Versorger habe den betroffenen Eigentümer zu informieren. Auch hier ist der Artenschutz grundsätzlich zu beachten. Nur wenn „Gehölze komplett gerodet werden müssen, ist gegebenenfalls eine Genehmigung zu beantragen.“ 

Im Nachhinein lasse sich sehr schwer feststellen, ob die vorgenommenen Eingriffe verhältnismäßig waren und einer Genehmigung bedurft hätten.

Quelle: HNA

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