Sie betreuen die Gefangenen 

Ehrenamtliche Vollzugsmitarbeiter gehen freiwillig in den Knast

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Ehrenamtliche und ein Knastbewohner im Gespräch: von links Manfred Hattenhauer, Sicherungsverwahrter Jürgen Silz, Lisa-Marie Arnold und Werner Kimmel. 

Ziegenhain. In den Knast will keiner, oder? Falsch. Lisa-Marie Arnold, Werner Kimmel und Manfred Hattenhauer gehen regelmäßig ins Ziegenhainer Gefängnis – als ehrenamtliche Vollzugsmitarbeiter.

Die Nachfrage nach Ehrenamtlichen ist groß, erklärt Birthe Bachert vom Pädagogischen Dienst. Die Gymnasiallehrerin für Deutsch und Geschichte betreut in der Haftanstalt die ehrenamtlichen Mitarbeiter. Aktuell gebe es nur noch acht freiwillige Helfer – viel zu wenige. Denn der Alltag im Gefängnis ist trist, es gibt keine Privatsphäre. Langjährig Inhaftierte sind oft vereinsamt. Davon kann Jürgen Silz ein Lied singen. Der Baden-Württemberger sitzt seit 40 Jahren im Gefängnis, gerade verbüßt er seine zweite Sicherungsverwahrung in Ziegenhain. Diebstähle, Drogen, Körperverletzung – über Jahrzehnte in der Endlosschleife und meist im Gefängnis verübt. So erklärt der 62-Jährige in breitem Schwäbisch seinen scheinbar nicht enden wollenden Freiheitsentzug. Kontakt zur Familie besteht nicht. „Die Heulerei bei Besuchen hat mich irre gemacht.“

Leben in Zwangsgemeinschaft

Typisch auch das in einer Zwangsgemeinschaft: Mit seinen Mitbewohnern in der Sicherungsverwahrung pflegt Silz kaum Kontakt, weil er deren Spielchen der gegenseitigen Denunziation beim Anstaltspersonal nicht mitmachen wollte. „Man muss die Leute rausziehen aus ihrer Isolation“, meint Sicherungsverwahrter Silz.

Und genau am Punkt Verlassenheit setzen die ehrenamtlichen Vollzugsmitarbeiter an. „Wir haben menschliche Begegnungen mit Menschen, die niemanden mehr haben“ sagt Werner Kimmel. Und der 77-jährige pensionierte Lehrer weiß genau wie sein Ehrenamtskollege Manfred Hattenhauer, ebenfalls 77 und ehemaliger Lehrer, wovon er spricht.

Jörg Bachmann

Beide gehen seit 40 Jahren freiwillig im Gefängnis ein und aus. Sie betreuen einen wöchentlichen Gesprächskreis im Kornhaus, der Seniorenabteilung des Gefängnisses. Hattenhauer besucht zusätzlich einmal monatlich einen Sicherungsverwahrten. Die beiden Treysaer weisen Erfahrungen vor, die Lisa-Marie Arnold erst noch sammeln wird. Die 23-jährige Studentin der Sozialen Arbeit steigt gerade erst ein in ihren neuen Ehrenamtsjob. Nach einer ausgiebigen Vorbereitungszeit wird sie einen Sicherungsverwahrten begleiten. „Menschen, die ehrenamtlich arbeiten, können Klischees auflösen“, ist sie überzeugt. Genau das unterstreicht auch Bachert: „Ehrenamtliche Vollzugshelfer bringen die Gesellschaft ins Gefängnis und die Realität des Gefängnisses in die Gesellschaft.“ Anstaltsleiter Jörg Bachmann spricht noch einen anderen Aspekt an. Für die Ehrenamtlichen gebe es keinen Rollenkonflikt. Sie seien nicht weisungsgebunden wie das Gefängnispersonal: „Alle, die von draußen ins Gefängnis kommen, genießen dort den Ruf der Unabhängigkeit.“

Birthe Bachert

Ehrenamtliche Vollzugsmitarbeiter sollten mindestens 18 Jahre alt sein und in den vergangenen fünf Jahren keine Freiheitsstrafe oder Jugendstrafe verbüßt haben. Sie sollten kommunikationsfähig, psychisch belastbar und fähig zu Nähe und Distanz sein. • Interessierte können sich an die JVA wenden: Pädagogischer Dienst SV, Paradeplatz 5, 34613 Schwalmstadt.

Viele Möglichkeiten der Mitarbeit

Ehrenamtliche Mitarbeit im Ziegenhainer Gefängnis ist in vielen Varianten möglich: Einzel- und Gruppengespräche, Anknüpfen vertrauensvoller Kontakte, Hilfen zur Aus- und Weiterbildung, Mitwirkung bei der Freizeitgestaltung einschließlich des Sports, Hilfe nach der Entlassung sind nur einige Beispiele. Ehrenamtliche sollten sich über die Art der Beziehung bewusst sein: Berater, Freund oder Kumpel. Es ist auch damit zu rechnen, dass Gefangene testen, ob die ehrenamtlichen Mitarbeiter zu unerlaubten Gefälligkeiten bereit sind. 

Quelle: HNA

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