Klimawandel verlangt Veränderung

Ein neuer Wald entsteht: Am Homberger Burgberg wurden 650 neue Bäume gesetzt

Es steht nur noch der halbe Wald: Am Homberger Burgberg mussten viele kranke und vertrocknete Bäume geschlagen werden, es sind völlig neue, freie Sichtachsen entstanden, so wie hier auf die Stadtkirche.
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Es steht nur noch der halbe Wald: Am Homberger Burgberg mussten viele kranke und vertrocknete Bäume geschlagen werden, es sind völlig neue, freie Sichtachsen entstanden, so wie hier auf die Stadtkirche.

Es wäre wirklich zu schön gewesen, wenn sich das Forstamt Neukirchen die Arbeit, die Stadt Homberg die Kosten und sich die Kreisstädter diesen wüsten Anblick hätten sparen können: Fast der halbe Wald am Homberger Burgberg ist gefällt. Dort, wo früher die Bäume dicht an dicht standen, öffnet sich über gefällte Riesen hinweg der Blick in die Landschaft.

Homberg – Doch sowohl Geld als auch Arbeit und Aufwand mussten investiert werden – Klimawandel, Trockenheit, Eschentriebsterben und der Ulmensplintkäfer haben dafür gesorgt, dass viele Bäume am Basaltkegel nicht zu retten waren. Wer es nicht glaubt, sollte sich nur die dicken Eschenstämme und -stümpfe anschauen, die dort noch stehen und liegen – sie gleichen Ofenrohren, viele sind von innen fast hohl.

Nahmen vorsichtig zwischen den Bäumchen Platz: Forstamtsleiter Florian Koch, Bürgermeister Nico Ritz und Tobias Kaufmann vom Forstamt Neukirchen mit den noch sehr dünnen Setzlingen.

Damit hat sich bewahrheitet, was ein Drohnenbeflug im Herbst schon erahnen ließ: „Die Bilder von oben haben so viele kranke und tote Bäume gezeigt, wie wir es in diesem Ausmaß nicht erwartet hatten“, sagt Forstamtsleiter Florian Koch. Ulmen, Eschen, Schwarzkiefern waren trocken und krank, mussten deshalb weichen. Zum einen, um nicht Wanderer und Spaziergänger im Naherholungsgebiet zu gefährden, zum anderen, um neuem Bewuchs und Bestand Platz zu machen.

650 junge Bäumchen wurden jetzt am Hang gesetzt. Darunter heimische Baumarten wie die Waldbirne, Vogelbeere, Linde, Bergulme, Elsbeere, Kornelkirsche, Hainbuche, Sträucher wie Pfaffenhütchen, Wacholder und Weißdorn. Es ist also ein kunterbunter Mix, der gepflanzt wurde – und der den Burgberg im Frühling genauso bunt erblühen lassen soll.

Ein Stamm wie ein Ofenrohr: Viele der gefällten Eschen am Burgberg wiesen einen hohlen Stamm auf.

„Wir hätten das Gebiet auch einfach dem Ahorn überlassen können“, sagt Bürgermeister Nico Ritz und verweist auf jene Baumart, die stark zur Verjüngung neigt, und die von alleine binnen weniger Jahre den Berg komplett erobert hätte. Doch die Stadt als Eigentümerin des steilen Geländes setzt genau wie das Forstamt Neukirchen auf Vielfalt und Biodiversität statt auf Monokultur: Besucher sollen am Schlossberg künftig eine abwechslungsreiche Natur erfahren, Tiere einen reichen Lebensraum erhalten. „Es entsteht gerade ein Erholungswald der Zukunft“, sagt Ritz.

Bis es aber so weit ist, die jungen Sträucher und Bäume größer geworden sind, blicken die Spaziergänger noch auf jede Menge Schlagabraum: Überall liegen abgesägte Stämme und Äste am Hang, es sieht aus, als würden die alten Bäume niemals herausgezogen.

Das werden sie tatsächlich nicht. In fünf bis zehn Jahren, sagt Forstreferendar Tobias Kaufmann, sei das Totholz samt seinen Nährstoffen in den Boden eingearbeitet: „Das Totholz düngt den Boden und schützt ihn zugleich vorm Austrocknen.“

Das sieht der Laie aber meist nicht, wenn er kopfschüttelnd durch den schütteren Restbestand stapft und sich fragt, wer denn nur um Himmels willen diese Zerstörung angeordnet haben mag. Denn jeder Besucher mit halbwegs gut ausgeprägtem Ordnungssinn erkennt gerade wohl nur ein großes Chaos samt ungezählten Lücken im Bewuchs.

Die 650 kleinen Pflänzchen und Setzlinge aber erzählen eine andere Geschichte. Die Geschichte eines neuen, noch ganz jungen und vor allem viel robusteren Waldes, der den neuen klimatischen Bedingungen standhalten soll. Diese Geschichte schimmert hinter der Vorstellung eines aufgeräumten Wirtschaftswaldes und durch die gefällten Riesen durch.

Bis es so weit ist und der neue Wald gen Himmel ragt, müssen sich Wanderer trösten. Beispielsweise mit Blicken durch die weiten Sichtachsen bis nach Remsfeld. Auch das sind Perspektiven, die sich genauso verändern werden wie der Anblick des so veränderten Burgbergs.

Erholungswald in Homberg braucht Vielfalt

Das Fällen der Bäume am Steilhang über der Stadt war alles andere als eine leichte Übung: Das Gelände ist unwegsam und von einem dichten Netz an Wanderwegen durchzogen. Im Herbst hatten Stadt und Forstamt Begehungen angeboten, um den Teilnehmern die Notwendigkeiten und Vorgehensweisen zu erklären. Das sei gut angenommen worden, sagt Forstamtsleiter Florian Koch. Er wird es nicht müde zu betonen, dass es sich weder Stadt noch Forstamt leicht gemacht hätten, die Ansicht des Burgbergs so drastisch zu verändern. Doch die klimatischen Anforderungen hätten keine Wahl gelassen: „Wir können nicht immer nur von Biodiversität reden, wir müssen sie auch umsetzen – auch wenn es Geld und Einsatz kostet“, sagt Bürgermeister Nico Ritz. Zudem handele es sich bei den Neupflanzungen nicht um einen Nutz- , sondern um einen Erholungswald. Das werde in wenigen Jahren zu sehen sein. (Claudia Brandau)

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