Ursulinenschüler testeten an Aktionstag Fritzlar auf seine Rollstuhlfreundlichkeit

Eine ganz andere Sicht

Mit dem Rolli in der Stadt unterwegs: Niklas Sölzer wird von Tobias Happ (links) und Adrian Dittmar geschoben. Foto: Dellit

Fritzlar. Plötzlich war da diese Treppe im Rathaus, die mit einem Rollstuhl kaum zu überwinden war. Beinahe wäre Niklas Sölzer aufgestanden und zu Fuß gegangen. Doch das wäre nicht der Sinn der Übung gewesen, denn Niklas und seine Klassenkameraden Tobias Happ und Adrian Dittmar sollten ja ausprobieren, wie man denn in Fritzlar mit einem Rollstuhl zurecht kommt.

Ihr Ausflug gehört zum Projekt Compassion (das Wort steht für Mitleid bzw. Mitleiden oder Mitgefühl) der Ursulinenschule. Die Schüler sollen dabei ein Sozialpraktikum absolvieren, der Aktionstag diese Woche gehörte zur Vorbereitung.

Sechs Gruppen waren mit Rollstühlen unterwegs, andere beschäftigten sich mit Themen wie Blindheit und Einschränkungen im Alter. Solidarität mit Schwachen und Leidenden ist das Ziel der Compassion-Initiative. Und so stand Niklas nicht aus dem Rollstuhl auf, als es an der Treppe schwierig wurde, sondern ließ sich von seinen Begleitern ins Empfangszimmer im Rathaus schieben. Mitarbeiterin Heidemarie Kempf informierte sie, wie man dort Rollstuhlfahrern hilft: Der Sachbearbeiter wird telefonisch informiert und kommt nach unten, wo alle Formalitäten erledigt werden. In dem Empfangsraum steht auch ein Gerät, mit dem man Fingerabdrücke für den Personalausweis einlesen kann. So wäre es den drei 15-Jährigen wohl gelungen, Wohngeld zu beantragten, wenn das tatsächlich ihr Anliegen gewesen wäre.

Zweiter Anlaufpunkt war ein Modehaus in Fritzlar. Dort sollte Niklas ein Kleidungsstück anprobieren. Die Tür öffnete sich automatisch, in das Untergeschoss ging es mit einem Aufzug. Die Jacke, die Niklas anprobieren wollte – so lautete der Auftrag der Lehrer – hing aber zu hoch, um sie aus dem Rollstuhl aus erreichen zu können.

Mitschüler Adrian suchte die richtige Größe heraus und reichte sie an. In die Umkleidekabine passte der Rollstuhl gerade so hinein, beim Anziehen musste er dann doch mal aufstehen, gestand Niklas, als er hinter dem Vorhang wieder auftauchte.

Sie hätten jetzt mehr Verständnis für die Bedürfnisse von Rollstuhlfahrern, sagten die beiden Begleiter Tobias und Adrian am Ende des Experiments. Sie hatten aber auch erfahren, dass es nicht immer einfach war, den Stuhl durch die Stadt zu schieben. Geduld sei häufig gefragt.

Auch Niklas berichtet von Schwierigkeiten, aber auch vom guten Service im Rathaus. Mal habe er sich auch beobachtet gefühlt, erzählte der 15-Jährige. Vor allem aber hat er im Rollstuhl bemerkt: „Die Sichtweise ist eine ganz andere.“

Von Olaf Dellit

Quelle: HNA

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