HNA-Interview mit Andreas Fischer, Leiter des IHK-Servicezentrums im Landkreis

„Eine revolutionäre Idee“

Um diesen Teil der Homberger Altstadt geht es: Das Karree zwischen Marktplatz, Holzhäuser Straße, Kreuzgasse und Salzgasse (siehe rot gekennzeichnete Gebäude) müsste für das geplante Einkaufszentrum umgebaut oder auch abgerissen werden. Archivbild: Herzog

Homberg. Bei der Vorstellung des geplanten Homberger Einkaufszentrums am Montag in der Stadthalle gab Andreas Fischer (48) ein klares Bekenntnis für die Vision am Marktplatz ab. Wir sprachen mit dem Leiter des IHK-Servicezentrums Schwalm-Eder über die Frage, ob das Projekt die Altstadt stärkt oder zerstört.

Sie sind wie kein anderer fürs Einkaufszentrum in die Bresche gesprungen. Warum? Andreas Fischer: Weil ich die Idee geradezu revolutionär finde. Sie stellt eine so eindeutige Vision der Innenstadtentwicklung dar, dass sie geradezu vorbildlich ist. Und auch dafür sorgen könnte, dass die Abwärtsspirale für Homberg gestoppt wird.

Sie nennen das Projekt vorbildlich und gleichzeitig geht es um den Abriss der Altstadt. Das widerspricht sich doch.

Fischer: Nein. Denn es handelt sich ja nicht um den Abriss der gesamten Altstadt, sondern um den Abriss in einem klar definierten Bereich. Natürlich braucht es dafür Mut. Aber ich denke, dass das ein oder andere einzelne Gebäude fallen muss, um die Stadt insgesamt zu stärken.

Gibt es keine andere Möglichkeit?

Fischer: Was ist denn die Alternative? Man kann natürlich sagen: Okay, der Marktplatz interessiert keinen mehr, lassen wir einfach alles so, wie es ist. Aber das heißt, dass immer mehr Gebäude in der Innenstadt verfallen werden; dass Touristen fernbleiben. Und das Schlimmste: Dass Homberg seine Identität aufgibt.

Na, das klingt aber sehr pessimistisch.

Fischer: Nein, gar nicht. Pessimistisch wäre es, den Innenstadtbereich aufzugeben. Genau das soll ja verhindert werden. Pessimisten würden raten, das viele Geld zu sparen. Denn es ist billiger zu resignieren, als ein Einkaufszentrum für 20 Millionen Euro zu bauen. Aber es kann das erreichen, was Homberg braucht: Der Kern muss als Wohn- und Handelsstandort wieder belebt werden, sonst verfällt er.

... oder er wird abgerissen. Fischer: Man könnte es auch Aufräumen mit Augenmaß nennen. Es gibt viele Häuser in dem Gebiet, die von Verfall bedroht oder betroffen sind. Was Homberg braucht, ist keine Zerstörung, sondern eine Stärkung der Altstadt. Dafür müssen Gebäude abgerissen werden. Um ein Zentrum zu bauen, aber auch, um junge Familien wieder fürs Leben in der Stadt zu begeistern.

Ist Homberg schlimmer dran als andere Städte?

Fischer: Nein, andere Mittelzentren haben das gleiche Problem. Früher hat man gesagt, dass eine Stadt immer von einem Kern her lebt, heute aber sind diese Kerne oft marode. Aber wie schlimm die Lage in Homberg wirklich ist, sieht man daran, dass die Denkmalschutzbehörde schon die Zustimmung für Abrissabsichten signalisiert hat. Das wäre doch noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen!

Wenn es das Einkaufszentrum wirklich schaffen soll, diese Stärkung zu erreichen, was ist dafür notwendig?

Fischer: Vor allem viel Fingerspitzengefühl. Denn es muss ja eine riesige Zahl an Interessen unter einen Hut gebracht werden. Einwohner, Kaufleute, junge Menschen – jeder muss mit ins Boot.

Ja, das sagt jeder Politiker.

Fischer: Ich hoffe, dass es auch so gemeint ist. Denn man kann den Menschen heute nicht mehr einfach etwas vorsetzen. Man muss vielmehr bei allen Generationen den Wunsch wecken, wieder in die Stadt gehen und einkaufen zu wollen.

Den Wunsch haben zurzeit offenbar nur wenige.

Fischer: Deshalb ist ja ein Umdenken so wichtig. Viele Homberger haben kaum mehr einen Blick dafür, wie schön die Stadt ist und welche Potenziale sie bietet. Aber bevor man meckert, muss man sich auch an die eigene Nase fassen und sich ehrlich fragen, was man alles im Internet und was in der Innenstadt kauft.

Da waren Sie ja von den 300 Leuten, die bei der Informationsveranstaltung waren, positiv überrascht.

Fischer: War ich auch. Und alleine dieser Zuspruch beweist, dass man in Homberg an einem Punkt angelangt ist, an dem man schwierige Entscheidungen treffen muss. Die Stadt steht tatsächlich an einem echten Wendepunkt.

Von Claudia Brandau

Quelle: HNA

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