US-Wissenschaftlerin  suchte nach Spuren ihrer jüdischen Vorfahren

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Zu einem Kurzbesuch in Melsungen: Jean Freedberg (rechts) ging in der Bartenwetzerstadt auf die Suche nach Spuren ihrer jüdischen Vorfahren. Unser Foto zeit sie mit Renate Mahler-Heckmann, die sie dabei begleitete.

Melsungen. Im Arbeitszimmer von Jean Freedberg in Washington hängt ein Porträt ihrer Ur-Großmutter, Betty Levy, die 1869 in Melsungen geboren wurde. Über die Wurzeln ihrer Familie, die von den Nazis verfolgt wurde, weiß die Sozialwissenschaftlerin aus Washington wenig.

Bei einem Kurzbesuch in Melsungen ging sie mit Renate Mahler-Heckmann auf Spurensuche.

Beeindruckt ist Jean Freedberg, die im Holocaust-Museum ihrer Heimatstadt arbeitet, von den Stolpersteinen, die auch in Melsungen verlegt wurden. Vor der Rosenapotheke erinnern sie an ihre Ahnen, Betty, Herta, Else, Lieselotte und Paula Levy, die zwischen 1936 und 1938 nach Südafrika flüchteten. Erinnert wird dort auch an Selma Levy, die verschwand.

Für Jeans Großmutter, Margarethe Levy liegt kein Stolperstein vor der Rosenapotheke, denn ihre Großmutter heiratete in den Zwanzigerjahren hier in Deutschland einen John Kupfer, der auch aus Hessen kam, aber bereits in Tulbagh/Südafrika lebte.

Ihre Großmutter Margarete habe von Melsungen und der Fulda erzählt, aber nie von der Judenverfolgung und der Massenermordung gesprochen, berichtet Jean Freedberg. Vier Tage war sie zuvor in Polen gewesen. Eine Delegation des Holocaust-Museums in Washington hatte sich die dortigen Vernichtungslager angesehen.

In Melsungen ist es der Wissenschaftlerin unbegreiflich, wie es sein konnte, dass aus einem so kleinen idyllischen Städtchen mit den leuchtenden Fachwerkhäuser, die sie enorm beeindrucken und wo sich ihre Familie zu Hause und geborgen fühlte, Überfall und Totschlag stattfand, obwohl man sich seit Kindesbeinen an kannte. Wie kann es sein, dass alle Juden aus Melsungen deportiert werden konnten, selbst wenn sie sich in den hintersten Ecken versteckten, fragte Jean Freedberg. Unbegreiflich seien diese Übergriffe auf die Juden und der Transport über tausende von Kilometern in Vernichtungslager wie Majdanek, das sie sich gerade angesehen hat.

Jean Freedberg erzählt von dem Foto in ihrem Arbeitszimmer, das Betty Levy zeigt. Völlig entspannt ist sie darauf zu sehen. Und wenn jemand nach dem Portrait fragt, sagt sie: „Das ist das was passiert ist! Meine Urgroßmutter lässt sich 1938 in Melsungen fotografieren, sie lebt völlig entspannt ihren Alltag und im selben Jahr musste sie fliehen, weil die Nazis ihr Haus gestürmt hatten, ihr Klavier auf die Straße geschmissen hatten und sie umbringen wollten.“ Das ist für sie eine unfassbare Geschichte. (hro)

Quelle: HNA

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