Stellungnahme des Logistikers CTL zum Giftunfall im Homberger Industriegebiet

Stellungnahme des Logistikers zum Giftunfall: „Einsatz völlig überzogen“

Homberg. Die Reaktionen auf den Giftunfall im Homberger Industriegebiet waren völlig überzogen. Die örtliche Einsatzleitung lag falsch mit der Einschätzung des Gefahrgutes.

Das ist die offizielle Lesart des Vorfall aus Sicht der Firmenleitung von Cargo Trans Logistik (CTL), die sich am Montag äußerte. Bisher hatte sie keine Stellungnahme zu den Ereignissen abgegeben, bei denen es nach Angaben der Polizei 60 Verletzte gegeben hatte.

Der Moment kurz nach dem Giftunfall: Ein Video zeigt, wie zwei CTL-Mitarbeiter sich um das beschädigte Fass (Mitte) kümmern. Die Flüssigkeit auf dem Boden (links) ist bereits teilweise mit Bindemittel abgestreut worden. Foto:  Rohde

Durch ein Gutachten, das CTL von einem öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen hat erstellen lassen, werde dieses Einschätzung untermauert, sagt CTL-Vorstand Erich Wietzel.

In der Bewertung des Phenylmercaptans kommt er zu einer völlig anderen Einschätzung als die örtlichen Experten nach dem Unfall. Wietzel: „Das ist kein Gift. Es ist ein stinkender Riechstoff.“ Die Substanz werde beispielsweise Gas beigemischt, um es am Geruch erkennen zu können. In größeren Mengen freigesetzt, sei die Chemikalien giftig, aber nicht auf diese Entfernung, fügt Peter Krimmel, der Gefahrgutbeauftragte des Logistikers hinzu.

Das Unternehmen hätte nach Auskunft von Wietzel gerne selbst dazu beigetragen, den Schaden zu begrenzen und die Vorfälle aufzuklären, nur habe man das Gelände am Unfalltag auch selbst nicht mehr betreten dürfen.

Weil die Feuerwehr bei ihren Messungen an Grenzen gestoßen sei, habe man einen Sachverständigen aus Höchst angefordert. „Erst als das Ergebnis jetzt vorlag, konnten wir an die Öffentlichkeit gehen“, sagte der Vorstand.

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Die Einsatzleitung war nach Wietzels Einschätzung überfordert. Wietzel: „Die Feuerwehr hat nicht die Ausrüstung und das Knowhow, mit solchen Unfällen fertig zu werden. Sollte es noch einmal zu einem ähnlichen Ereignis kommen, möchte CTL die Berufsfeuerwehr Kassel oder die Wehr der Firma B. Braun hinzuziehen dürfen. Das habe man dem Regierungspräsidium mitgeteilt. „Wenn so etwas passiert, erwarten wir, dass uns vernünftig geholfen wird. Wir sind kein Hinterhofbetrieb“, sagt Erich Wietzel. Das Unternehmen zahle 400.000 bis 500.000 Euro Gewerbesteuer pro Jahr an die Stadt.

In einem Video ist dokumentiert, wie es zu dem Vorfall kam und wie darauf regiert wurde. In der Halle gibt es Videokameras, die die Abläufe dokumentieren. Zu sehen ist, wie ein Mitarbeiter mit einem Gabelstapler eines von zwei Fässern beschädigt.

Bindemittel gestreut

Daraufhin wird das Fass zunächst umgelegt, um eine weiteres Auslaufen zu vermeiden, dann wird die ausgelaufene Flüssigkeit mit einem Bindemittel abgestreut und später das Fass nach draußen befördert. Dieses Vorgehen sei auch völlig richtig gewesen.

Wietzel widerspricht der Aussage des Kreisbauamtes, wonach die Firma für den Umschlag von Gefahrgut keine Baugenehmigung beantragt habe.

Er legt ein Schreiben vor, in dem die „Errichtung eine Euro-Logistik-Centrums/Stückgutverteilzentrum mit Büro- und Sozialräumen“ genehmigt wird. Das sei völlig üblich und schließe alle Waren ein, die bei CTL als Stückgut umgeschlagen würden, erklärt Wietzel.

Nacht für Nacht werde in der 275 Meter langen Halle von Cargo Trans Logistik (CTL) etwa 3500 Stückgut-Sendungen umgeschlagen. Bei etwa 100 Artikeln handele es sich um Gefahrgut nach der ADR-Klassifizierung.

Der Moment kurz nach dem Giftunfall: Ein Video zeigt, wie zwei CTL-Mitarbeiter sich um das beschädigte Fass (Mitte) kümmern. Die Flüssigkeit auf dem Boden (links) ist bereits teilweise mit Bindemittel abgestreut worden. Foto:  Rohde

Die Abkürzung steht für „Europäisches Übereinkommen über die internationale Beförderung gefährlicher Güter auf der Straße“. Das Unternehmen wirbt damit, dass es auf die Behandlung gefährlicher Güter im Sinne der ADR bestens vorbereitet ist. Es handelt sich um eine 1957 in Genf beschlossene Vorschrift, in der Transport, Verpackung, Ladungssicherheit und Kennzeichnung von Gefahrgut auf Straßen geregelt ist.

Nach diesen ADR-Richtlinien dürften beispielsweise Reinigungsmittel, Farben, Lösungsmittel, Geschmacksstoffe, Klebstoffe und Feuerwerkskörper umgeschlagen werden, erklärt der Peter Krimmel, der Gefahrgutbeauftragte des Unternehmens. Nicht erlaubt seien beispielsweise radioaktive Stoffe, Sprengstoff und Munition.

Anhand des Unfallmerkblattes, das jeder Lieferung beigefügt sei, sei genau zu erkennen, wie im Ernstfall mit einer solchen Substanz umzugehen ist. Die Mitarbeiter würden ständig geschult, an vielen Stellen im Betrieb hingen Hinweise mit Verhaltensmaßregeln bei Unfällen mit Gefahrgut.

Kontrollen des Gefahrgut-Umschlags gebe es nicht. Sie seien auch nicht vorgeschrieben, sagt Erich Wietzel.

Stellungnahme von CTL zu den Kommentaren unter diesem Artikel (pdf)

Der Gutachter kommt in seiner Zusammenfassung zu folgendem Ergebnis: „In der Außenluft sowie in allen Räumlichkeiten wurden keine Phenylmercaptan-Konzentrationen im Atembereich oberhalb des internationalen Luftgrenzwertes von 500 ppb ermittelt. Erhöhte Konzentrationen konnten nur unmittelbar an kontaminierten Gegenständen gemessen werden.“

Der Sachverständige war am Unfalltag um 14.45 Uhr auf dem Gelände eingetroffen.

Quelle: HNA

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