Schicksalsschlag nach USA-Reise

Lungenembolie nach Langstreckenflug: Gelähmte Elena (22) will zurück ins Leben

Bild aus vergangenen Tagen: Ihr altes Leben bekommt Elena wohl nicht mehr zurück.

Bad Zwesten/Edertal. Immer wieder erleiden Flugpassagiere auf Langstreckenflügen Thrombosen. Dabei bildet sich in einer Beinvene ein Blutpfropf. Dieser Thrombus kann sich lösen und eine Lungenembolie verursachen. Das ist Elena Jahn passiert. Ihr Leben wird nie wieder sein, wie es war.

Immer wieder versucht Silke Jahn die Worte zu finden, um die Geschichte ihrer Tochter zu erzählen. Elena kann sie nicht erzählen - ihr fehlen die Worte. Seit Januar ist das so und es wird sich nicht mehr ändern. Das sagen die Ärzte.

Die Worte der Mediziner zu verstehen, das fällt Silke Jahn schwer, ungleich schwerer ist es für die Mutter aber, diese zu begreifen. „Elena ist nach dem Abitur in Oberurff zu ihrer Gastfamilie nach Amerika gereist. Im Januar flog sie zurück. Ihr Vater hat am Flughafen in Zürich, seinem Wohnort, auf sie gewartet. Dort kam Elena nie an“, sagt Silke Jahn.

Bei der Zwischenlandung in München fiel die 22-Jährige im Wartebereich des Flughafengebäude um. So wurde es der Mutter später berichtet. „Sie hatte einen Pfropf in der Lunge“, erklärt Silke Jahn. Dann nennt sie den Fachbegriff dafür: Pulmonalarterienthrombembolie. Elena hatte in der Folge einen Hirnschlag. Eine Lungenembolie und einen Schlaganfall, der durch eine Thrombose ausgelöst wurde. Bei einer der Operationen in einer Münchner Klinik kam es zu Komplikationen. „Der Gehirnknochen musste entfernt werden. Sie lag im Koma.“ Lebensbedrohlich.

Sie war unser Schmetterling 

Seitdem ist Elena in ihrem Körper gefangen. Halbseitig gelähmt. „Dabei war sie immer unser Schmetterling, flatterte fröhlich durch die Welt“, sagt Silke Jahn. Elena wollte studieren, war sportlich und sprach mehrere Sprachen. Sie liebte Musik, besonders die von Tim Bendzko. Elena sei viel gereist. Ihr letzter Flug wurde ihr zum Verhängnis: „Sie kann jetzt kaum noch etwas allein. Aber ihr Verstand ist da“, sagt die Mutter mit klarer Stimme. Das sei viel wert. Denn die Hirnschädigung sei sehr groß. „Die alte Elena wird es nicht mehr geben.“

Mit solchen Worten hat Silke Jahn in den vergangenen elf Monaten zu leben gelernt. Eine Zeit des Hoffens und Bangens. „Es muss weitergehen, für Elena“, sagt sie immer wieder. Sie kämpft Tag für Tag.

Erinnerungen für Elena 

Sie kratzte ihr Erspartes zusammen, nahm sich ein Zimmer in München und wich ihrer Tochter kaum von der Seite. Seither war sie nur zwei Wochenenden zu Hause in Edertal. Um ihren Sohn Tim (14) kümmern sich die Oma und Tims Vater. „Es geht Elena besser, wenn ich da bin. Für meine Söhne wäre ich auch da“, so Jahn, und für einen Moment klingt es wie eine Rechtfertigung. „Wir haben Fotocollagen für sie gebastelt und ihr Lieblingsparfüm mit in die Klinik gebracht.“ Erinnerungen. Anfangs war die Hoffnung größer. „Elena war wach und hat uns erkannt“, sagt Silke Jahn und lächelt. Schöne Momente, von denen es für die Jahns nur wenige gibt. Die Hoffnung wurde ausgebremst. Die offene Wunde an ihrem Kopf entzündete sich. Hohes Fieber kam hinzu. Erneut Komplikationen. Hirnblutungen. „Der Kampf fing von vorne an“, sagt die Mutter. Dann fehlen ihr die Worte.

"Sie hatte sich aufgegeben" 

Nach einer Weile sagt sie, dass zum Glück keine neuen Schäden aufgetreten sind. Das stellten die Ärzte nach der siebenstündigen Operation am Gehirn ihrer Tochter fest. Im März sollte das Loch am Kopf endlich geschlossen werden. „Sie wollten den Knochen wieder einsetzen und einen Titandeckel einpflanzen“, sagt Silke Jahn. Doch das klappt nicht. Elena ging es danach gar nicht gut.

„Sie hat sich erbrochen. Gehirnwasser. Das produziert der Körper und es konnte nicht abfließen“, erklärt sie. Wieder ein Eingriff. Diesmal wurde ein Shunt (Verbindung zwischen Gefäßen) gelegt, damit die Flüssigkeit abfließen kann. „Danach ging es Elena besser.“ Bald darauf begann die Früh-Reha in Felderfing. Dort ist man auf junge Menschen mit solchen Erkrankungen spezialisiert. „Sie haben dort ein Jugendhaus“, erklärt die Mutter. So etwas gebe es in unserer Region nicht.

Bild aus vergangenen Tagen: Ihr altes Leben bekommt Elena wohl nicht mehr zurück.

Statt der geplanten sechs Wochen blieben Elena und ihre Mutter von März bis August dort. „Es gab viele Therapien für Elena, aber ihr Wille war nicht mehr da“, sagt die Mutter. „Sie ist eine Kämpferin, aber sie kann ein Böckchen sein.“ Elena hatte sich aufgegeben: „Sie hatte den Lebensmut verloren.“ Doch sie fand ihn wieder. „Dafür haben auch ihre Freunde gesorgt, die sie besucht haben und ihr sagten, dass sie sie brauchen.“ Statt Worte sprechen jetzt die Tränen der Mutter.

Im Juli stand erneut eine Operation an. Diesmal sollte der Kopf verschlossen werden. Es klappte. „Man hat sich für Kunststoff entschieden, da es reiner ist als Titan.“ Nach dem Eingriff sei Elena ansprechbar gewesen. „Sie saß sogar im Bett. Ich habe mit ihr gesprochen und sie hat mir zugenickt.“ Sie musste auch nicht mehr künstlich ernährt werden. „Ich habe sie gefüttert. Das ist unendlich viel wert.“

Und wenn Silke Jahn heute Elena ein Lied vorsingt, dann reagiert sie und manchmal - an guten Tagen - singt Elena ein paar Worte mit. „Dann muss ich immer weinen“, sagt sie.

Aus jedem Wort klingt großer Schmerz 

Training. Training. Training. Silke Jahn gibt nicht auf, und das motiviert auch Elena. „Wenn ich bei ihr bin, macht sie alle Übungen mit. Das ist sonst nicht so, haben die Schwestern in der Klinik gesagt“, erzählt die Mutter. „Vielleicht schaffen wir es, dass sie aus dem Rollstuhl heraus kommt - zumindes für einige Zeit. Unser größter Wunsch ist es aber, dass sie wieder laufen kann. Wenigstens ein paar Schritte.“ Ihren gelähmten Arm ignoriere Elena jedenfalls immer wieder. „Sie zeigt auf ihr Bein. Sie will laufen.“ Sie hoffe auch darauf, dass Elena ihr Lachen wiederfindet. „Ihr Gesichtsausdruck ist sehr starr“, sagt Silke Jahn. „Dabei kann sie so schön lachen.“ Aus jedem Satz der Mutter, ist er auch noch so klar gesprochen, klingt der große Schmerz heraus - und zugleich Kraft.

Es gibt auch kleine Ziele 

Neben dem großen Ziel gibt es auch viele kleine. „Es wäre schön, wenn sie mal ein Wochenende nach Hause kommen könnte“, sagt die Mutter. „Ihre Brüder Tim und Benjamin, die Großeltern, die ganze Familie und ich vermissen sie so sehr.“ Sie, ihre Söhne und die Schwiegertochter seien noch enger zusammengewachsen, seit dem Tag, der ihr Leben veränderte.

Zuhause wurde umgebaut 

Elenas Zuhause ist schon umgebaut worden. „Wir haben das Erdgeschoss behindertengerecht ausgebaut.“ Das alles habe viel gekostet. Eigentlich sogar mehr, als die Familie finanziell stemmen kann. „Aber für uns steht an erster Stelle, dass es Elena gut geht und sie in der schweren Zeit nicht allein ist. Das ist lebenswichtig.“ Deshalb schäme sie sich auch nicht, wenn das Geld mal wieder sehr knapp sei. „Ich kann doch meine Tochter nicht hängen lassen.“

Dieser Kampfgeist wird belohnt: Elena verstehe mittlerweile auch mehr, und mit einem elektronischen Sprachprogramm kann sie sich ausdrücken - das klinge dann zwar mechanisch, aber es sind ihre Worte. „Sie kämpft sich zurück ins Leben. Wort für Wort.“

Kontakt: silke.jahn@web.de

Von Maja Yüce

Quelle: HNA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare