Zweifelhafter Ruf besteht zu Unrecht

Kuckuck-Fortpflanzung: Die Eltern weit weg in Afrika

+
Hungrige Brut: Junger Kuckuck im Nest von Bachstelzen.

Schwalm. Jeder kennt den Kuckuck oder zumindest seinen Ruf. Zur Biologie des Langstreckenziehers gibt es derzeit aber viele neue wissenschaftliche Erkenntnisse.

So sitzen, während die erwachsenen Kuckucke schon vor einigen Wochen nach Afrika aufgebrochen sind, die letzten Jungen noch in den Nestern der Adoptiveltern. Größer kann die Distanz zwischen einem Jungvogel und seinen Eltern wohl nicht sein.

In den letzten Wochen ist das Vogelkonzert in den Gärten und Wäldern auffällig verstummt. Für Gesang oder Balz ist nun keine Zeit mehr. Die Tiere haben das Brutgeschäft abgeschlossen und mausern das Federkleid, viele versorgen auch noch die Jungen der letzten Brut.

In manchen dieser Bruten spielt sich aber sehr Erstaunliches ab - statt einer Handvoll kleiner Jungvögel sitzt ein viel zu groß geratener Vogel im Nest und bettelt nach Futter. Kurz vor der Abreise Anfang Juli hat hier ein Kuckuck-Weibchen ein eigenes Ei in das Gelege eines Singvogels geschmuggelt. Natürlich bemerken die Singvögel jede auffällige Veränderung am Nest, so dass der Kuckuck meist eines der Eier der Wirtsvögel verzehrt, damit die Eizahl unverändert bleibt. Und nicht nur das: auch die Farbe der Kuckuckseier entspricht denen der Wirtsvögel! Es gibt daher Kuckuck-Weibchen, die fein grau gesprenkelte Eier in Bachstelzennester legen oder solche, die leuchtend blaue Eier beim Gartenrotschwanz unterbringen.

Trotzdem fällt das neue Ei oft auf und wird von den Singvogeleltern entfernt, oder die Brut wird komplett aufgegeben. Um solche Verluste auszugleichen, muss ein Kuckuck-Weibchen bis zu 25 Eier legen. Das Klischee vom faulen Kuckuck, der die eigenen Kinder von anderen aufziehen, also andere für sich arbeiten lässt, stimmt somit nicht. Kuckuck-Fortpflanzung ist schwere Arbeit!

Und durch die Bindung an die Wirtsvögel ohnehin risikoreich: Mit den Beständen vieler Singvögel geht auch der Kuckuck in den letzten 20 Jahren auffällig zurück, die Art steht sogar schon auf der Roten Liste. Das bekannte Entfernen der Eier oder Jungvögel im Nest durch den jungen Kuckuck ist übrigens kein Zeichen von Niedertracht, sondern biologisch notwendig. Der Kuckuck ist von der Größe einer kleinen Taube und damit deutlich größer als die Singvögel, bei denen er seine Eier unterbringt. Daher ist eine Aufzucht nur dann möglich, wenn er die gesamte Futtermenge allein bekommt. Er muss also die anderen Nestinsassen loswerden, wenn er selbst überleben will.

Und während in diesen Tagen die letzten Jungkuckucke in den Nestern von Bachstelzen, Rohrsängern oder Grasmücken aufgezogen werden, sind ihre leiblichen Kuckuckseltern schon über alle Berge. Untersuchungen des Landesbundes für Vogelschutz in Bayern, bei denen die Vögel mit Satellitensendern ausgerüstet wurden, zeigen, dass viele Kuckucke direkt nach der Ablage der letzten Eier schon Ende Juni oder Anfang Juli schnell ins afrikanische Winterquartier aufbrechen. Zwischen den Altvögeln, die sich derzeit zum Beispiel schon im Sudan aufhalten, und ihren noch nicht flüggen Jungen im Nest der Wirtseltern liegen dann schon etwa 4500 Kilometer.

Absolut faszinierend, zu welchen Extremen die Natur in der Lage ist!

Von Heinz und Stefan Stübing

Quelle: HNA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare