"Wenn man den Tod nicht scheut"

Emstaler Bürger beklagen schlechte Situation für Radfahrer

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Wie soll man hier Fahrrad fahren? Das fragen die Bad Emstaler Bürger (von links) Burghardt Schminke, Dr. Michael Kruschinsky, Nicolle Wittwer, Hans-Bernd Schmidt, Thorsten Sachse, sowie vorne Chiara und Bennet Braun. Das Foto zeigt die Gruppe am Ortsausgang von Sand an der Landstraße in Richtung Schauenburg-Breitenbach.

Bad Emstal. „Was Radwege angeht, liegen wir im Niemandsland“, sagt Markus Braun. In Bad Emstal könne man sich mit dem Rad häufig nur auf Wirtschaftswegen und Straßen fortbewegen.

„Wenn man den Tod nicht scheut“, fügt Dr. Michael Kruschinsky hinzu. Gemeinsam mit anderen Bürgern wollen sie auf Missstände aufmerksam machen – was Bürgermeister Ralf Pfeiffer (parteilos) teilweise verstehen kann.

„Es ist auf vielen Straßen zu gefährlich, mit dem Rad zu fahren“, sagt Pfeiffer. Nordhessen sei noch nie ein klassisches Fahrradland gewesen. Während etwa in Schleswig-Holstein und Niedersachsen schon lange bei einem Neubau auch ein begleitender Radstreifen angelegt werde, sei das hierzulande bislang nicht so gewesen. „Wir haben das Problem erkannt.“

Bürgermeister Ralf Pfeiffer

Was die Wirtschaftswege angeht, widerspricht er den Kritikern aber. „Die sind teilweise in einem hervorragenden Zustand.“ Natürlich müsse man berücksichtigen, dass die Wege in erster Linie für Landwirte und Forstmitarbeiter bestimmt und keine ausgewiesenen Radwege seien. 

Wenn sie allerdings etwa durch die Holzernte in Mitleidenschaft gezogen würden, werde das meist schnell behoben. „Natürlich gibt es einige Mängel, aber dass man hier gar kein Fahrrad fahren kann, sehe ich nicht so“, sagt der Bürgermeister.

Genau so lautet aber die Kritik von Burghardt Schminke, Dr. Michael Kruschinsky, Nicolle Wittwer, Hans-Bernd Schmidt, Thorsten Sachse und Markus Braun, die sich mit dem Anliegen an die HNA gewandt haben. „Besonders ältere Menschen und Familien mit Kindern sind aufgeschmissen, wenn sie in Bad Emstal ihr Fahrrad benutzen wollen“, sagt Markus Braun. Mehr Menschen die Möglichkeit geben, mit dem Rad aus Bad Emstal wegzufahren – aber auch die Möglichkeit, nach Bad Emstal zu kommen, das sei das Ziel. 

„Wir haben so schöne Natur und viel zu bieten für Touristen. Aber ihre Fahrräder können die hier eigentlich nicht benutzen“, sagt Hans-Bernd Schmidt.

Wer einen Radfahrurlaub machen wolle, fahre aber nicht nach Nordhessen, sondern eher an die Diemel oder an die Weser, setzt Bürgermeister Pfeiffer dem entgegen.

Was allerdings auch ihn ärgert, ist die seit vier Jahren anhaltende Posse um geplante Hinweisschilder für Radfahrer auf den Waldweg zwischen Sand und dem Freibad Balhorn. Die Firma, die zunächst mit der Aufstellung der Schilder beauftragt gewesen war, ging pleite – daraufhin musste neu ausgeschrieben werden. Die Gemeinden werden von der nun beauftragten Firma der Reihe nach abgearbeitet. Derzeit ist Calden dran, danach sollen die Schilder in Bad Emstal kommen. 

Pfeiffer sagt aber auch: „Die Ortsfremden benutzen ohnehin ein Navigationsgerät und die Bad Emstaler kennen den Weg.“ Doch auch in diesem Fall widersprechen Braun und seine Mitstreiter dem Bürgermeister. „Es gibt viele Ortskundige, die den Waldweg nicht kennen und stattdessen die Landstraße nehmen“, sagt Braun.

Die Gruppe um Braun und Kruschinsky hofft nun, dass der neue Bürgermeister Stefan Frankfurth, dessen Amtszeit am 13. Juli beginnt, das Thema Radwege stärker in den Fokus rückt. Denn Pfeiffer habe sich darum zu wenig gekümmert, sagen sie.

Das sagt Hessen Forst

Im Zuständigkeitsbereich des Forstamtes Wolfhagen, zu dem auch das Revier Bad Emstal gehört, gibt Hessen Forst jährlich weit über 100 000 Euro für die Instandhaltung von Wirtschaftswegen aus, sagt Forstamtsleiter Uwe Zindel. „Derzeit müssen wir die Bevölkerung aber um Verständnis bitten: Die Aufräumarbeiten nach dem Sturm Friederike laufen noch und haben Priorität.“ 

Uwe Zindel

Sobald die Sturmschäden beseitigt seien, werde sich das Forstamt wieder verstärkt um den Zustand der Wege kümmern – die allerdings in erster Linie Forst- und keine Radwege sind, sagt Zindel.

Problemstelle 1: Von Sand nach Breitenbach

Die Verbindung von Sand in Richtung des Schauenburger Ortsteils Breitenbach ist laut den Bad Emstaler Bürgern, die sich an die HNA gewandt haben, die gefährlichste Strecke für Radfahrer in der Gemeinde. Nicolle Wittwer benutzt sie täglich auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz in Baunatal. Allerdings nur noch morgens. „Auf dem Rückweg, wenn die Autofahrer, die mich überholen, in die tiefstehende Sonne gucken müssen, ist es einfach zu gefährlich.“ Deswegen nimmt sie den Umweg über die Gemeinde Gudensberg in Kauf. 

Auch Schüler der Christine-Brückner-Schule, die zum Teil auch aus Schauenburg kommen, könnten den Radweg nutzen. Markus Braun sagt, er habe Bürgermeister Pfeiffer bereits vor Jahren auf die dringende Notwendigkeit eines Radwegs zwischen Sand und Breitenbach aufmerksam gemacht. Nun hat die Gemeinde dafür 20 000 Euro im Haushalt bereitgestellt. „Zunächst soll ein Planungsbüro beauftragt werden. Es gibt drei verschiedene Varianten“, sagt Pfeiffer.

 Man stehe mit der Gemeinde Schauenburg im Austausch, um den Radweg gemeinsam zu realisieren. Schauenburg hat dafür allerdings kein Geld im Haushalt vorgesehen, sagt Bürgermeister Michael Plätzer (SPD) auf HNA-Nachfrage. Man wolle zunächst den Bürgermeisterwechsel in Emstal abwarten. Am 13. Juli beginnt die Amtszeit von Stefan Frankfurth. Pfeiffer war nach zwei Amtszeiten aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr angetreten. Plätzer bekräftigt allerdings, dass der Radweg auf jeden Fall kommen soll.

Problemstelle 2: Von Balhorn nach Bründersen

Nach Wolfhagen kommt man von Bad Emstal mit einem normalen Rad nicht. „Höchstens mit einem Mountainbike“, sagt Dr. Michael Kruschinsky. Auf dem Weg zwischen Balhorn und Bründersen seien große Löcher. Die liegen laut der Gemeinde Bad Emstal allerdings schon auf dem Gebiet der Stadt Wolfhagen, die man darauf hingewiesen habe. Bürgermeister Reinhard Schaake sagt auf HNA-Nachfrage, dass er davon bislang keine Kenntnis habe.

Problemstelle 3: Von Merxhausen nach Kirchberg

Die Beschwerdeführer um Markus Braun bemängeln, dass die Anbindung in Richtung Schwalm-Eder-Kreis für Fahrradfahrer schlecht ist. Im Nachbarlandkreis sei das Radwegenetz deutlich besser – doch dort komme man von Bad Emstal aus gar nicht erst hin. Anbieten würde sich ein Weg von Merxhausen zum Niedensteiner Ortsteil Kirchberg, der direkt an der Kreisgrenze liegt, so Braun. „Auf der Strecke gibt es aber an einigen Stellen nur einen Trampelpfad.“

Quelle: HNA

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