Fides Baumgart liebt Rosen, hessische Geschichte und gab das Häkeln auf – Ein Porträt

Sie engagiert sich mit links

Die Rosenfrau: Fides Baumgart liebt Rosen, genau wie ihre Mutter, genau wie ihr Vater. Und natürlich wachsen auch im Garten ihres Hauses in Spangenberg viele Rosensorten. Foto: Feser

Spangenberg. Die Rosen schneidet sie mit rechts. Dabei ist Fides Baumgart, 77, Linkshänderin. Aber ihr wurde in der Schule „das schlechte Händchen“ mit Linealschlägen ausgeprügelt. Das war im Krieg, und die Spangenbergerin hat heute noch eine Narbe am linken Mittelfinger. Der Lehrer hat sie so sehr bestraft, dass Blut spritzte.

Trotzdem: Fides Baumgart ist Linkshänderin, zwar eine, die mit rechts schreiben lernen musste, aber sie kann weder mit rechts häkeln noch mit rechts ein Brot schmieren. Das will sie auch gar nicht lernen. Fides Baumgart ist eine Frau mit starkem Willen.

Sie hat die Gewandmanufaktur in Spangenberg aufgebaut. Sie hat die historischen Stadtführungen konzipiert. Sie hat eine Zeitschrift für Fachwerkstädte mitgegründet. Sie setzt sich für mehr Stolpersteine in ihrer Heimatstadt ein. Sie hat Spangenberg im Kopf.

Die Stadt in Geschichten

Wer ihr zuhört, kann die Stadt erleben: das sagenumwobene Paar, das 1347 in Spangenberg lebte und als Kuno und Else in die Geschichte einging. Landgraf Philipp von Hessen, der Margarethe von der Saale als Ehefrau zur Linken nahm, die in Spangenberg lebte. Die „Eigene Scholle“, die ab 1919 als erste Reichsheimstätten-Siedlung der Weimarer Republik auf den Kirchwiesen in Spangenberg errichtet wurde. Die Hebamme, die während des Zweiten Weltkriegs in ihrer Küche in der Neustadt eine jüdische Mutter mit Säugling vor den Nazis versteckt hielt. All das prägte die Geschichte der Stadt und fasziniert Fides Baumgart. Die Geschichten sprudeln aus ihr heraus.

Und doch ist sie bescheiden. Warum sie von der Stadt ausgezeichnet wurde, versteht sie nicht so ganz. Andere würden sich doch auch für Spangenberg engagieren. Fides Baumgart ist streitbar, hartnäckig, steht zu ihren Überzeugungen. Am liebsten hätte sie Geschichte studiert. Oder Sprachen. Aber sie durfte nicht aufs Gymnasium, erlaubt wurde ihr nur der Besuch des Realschulzweigs in Spangenberg. Denn sie war mit sieben Monaten zur Welt gekommen und ein kränkliches Kind.

Ihr Elternhaus hat sie stark geprägt, politisch und interessenmäßig. Fides Baumgart war Gewerkschaftsmitglied. Während ihrer Zeit als Dekanatssekretärin am Fachbereich Stadtplanung/Landschaftsplanung der Gesamthochschule Kassel war sie im Fachbereichsrat und im Konvent aktiv. Zuletzt vertrat sie im Senat den nichtwissenschaftlichen Bereich.

Auch die Liebe zur Natur hat sie von den Eltern: vom Vater die botanischen Kenntnisse, von der Mutter die Praxis. Sie liebt Rosen, vor allem die historischen, die duften: herb, wie Wermut, nach Honig und Zitrone. Rosen verschwenden ihre Pracht von Mai bis Juli. Aber bei Fides Baumgart auch an Weihnachten. Kurz vor dem Fest holt die Rosenliebhaberin nämlich die große Glasschale aus dem Esszimmerschrank, füllt sie mit Wasser und setzt die Blüte einer Pimpinellifolia hinein. Den hat die Linkshänderin frisch geschnitten – mit rechts, denn Fides Baumgart hat keine Gartenschere für Linkshänder.

Von Claudia Feser

Quelle: HNA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare