Ergotherapeuten am Ende

Coronakrise könnte Heilmittelerbringern das Genick brechen

+
Sie bangen um die Zukunft: Die Ergotherapeuten Stephanie Siebert-Walter und ihr Kollege Peter Engel. Auf dem Foto ist der Spuckschutz in der Praxis zu sehen.  

Stephanie Siebert-Walter (43) ist verzweifelt. Die Ergotherapeutin aus Ellenberg betreibt seit nunmehr 17 Jahren eine eigene Praxis in Melsungen.

„Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Mundschutz und Kittel gehen zur Neige. Wenn ich die Hygienemaßnahmen nicht einhalten kann, muss ich schließen.“ 

Ergotherapeuten gehören zu den systemrelevanten Berufen. Deshalb darf Siebert-Walter ihre Praxis geöffnet haben. „Auf der einen Seite heißt es, wir seien systemrelevant. Auf der anderen Seite haben wir keine Möglichkeit, an Schutzbekleidung zu kommen.“ Sechs Einwegkittel hat die Ergotherapeutin noch. Diese seien bei den Hausbesuchen vorgeschrieben. „Mehr als sechs Hausbesuche kann ich also nicht mehr machen, wenn ich keine Kittel mehr habe“, sagt sie.

Doch Siebert-Walter hat noch ein weiteres großes Problem: Die Patienten bleiben aus. Die Menschen seien so verunsichert, dass sie die Termine absagen. 90 Prozent ihrer Patienten seien Kinder. „Die Eltern haben natürlich Angst vor einer Ansteckung und sagen deshalb die Termine ab. Ich kann das verstehen.“

Die Patienten, die sie trotz Coronakrise weiterhin behandele, könne sie nicht einfach im Stich lassen, sie trage schließlich Verantwortung für deren Heilung. „Viele haben Handverletzungen. Wenn man jetzt die Behandlung abbricht und die Hand nicht mehr bewegt wird, kann das für den Patienten enorme Folgen haben“, sagt die 43-Jährige. Gleiches gelte für Patienten mit Muskelerkrankungen oder Multiple Sklerose. Ohne Weiterbehandlung entwickelten die Patienten starke Schmerzen. „Ich möchte den Menschen ja weiterhin helfen, aber ohne Schutzkleidung bin ich gezwungen, aufzuhören.“

Die Ergotherapeutin befürchtet, dass ihr die Coronakrise das Genick brechen könnte. Sie beschäftigt drei Angestellte. Eine ist gerade in Mutterschutz und kommt im Sommer zurück. „Ich weiß überhaupt nicht, ob ich dann noch Arbeit für sie habe.“ Über Kurzarbeitergeld habe sie sich informiert, aber da zwei ihrer Angestellten auf Aushilfsbasis arbeiten, „müsste ich die auf Null setzen. Das kann ich doch nicht machen“, sagt Siebert-Walter. Um an Geld aus einem Rettungsfonds zu kommen, müsse sie eine Umsatzsteuer-ID auf dem Antrag angeben. Da Ergotherapeuten aber nicht umsatzsteuerpflichtig seien, habe sie so etwas gar nicht. „Somit komme ich dort auch nicht an Geld. Für uns gibt es gar keine Hilfe und auch keinen Ansprechpartner. Ich fühle mich hilflos.“ Die Ergotherapeutin sorgt sich auch um ihre eigene Gesundheit und um die ihres Ehemannes. Sie habe Diabetes, ihr Mann sei lungenerkrankt. „Wir sind beide vorbelastet. Natürlich habe ich Angst. Ich sitze zwischen den Stühlen.“ An eine ruhige Nacht sei schon gar nicht mehr zu denken.

Heilmittelerbringer fordern Soforthilfe der Krankenkassen

Alarm schlägt in diesem Zusammenhang auch der Ergotherapeutenverband. Die Politik nehme das Verschwinden der Therapiepraxen in Kauf. Nicht nur Ergotherapeuten wie Stephanie Siebert-Walter seien betroffen, sondern die gesamte Heilmittelerbringer-Branche, also auch Physiotherapeuten, Logopäden und Podologen. Müssten Praxen aus finanzieller Not heraus schließen, seien nicht nur Hundertausende von Arbeitsplätzen gefährdet, sondern auch die Gesundheit aller Patienten, sagt Ute Repschläger, Vorsitzende des Spitzenverbands der Heilmittelverbände (SHV). 

Die Branche leidet ohnehin seit Jahren unter geringen Vergütungssätzen. „Und bei den derzeitigen Umsatzrückgängen um 60 bis 90 Prozent sind die finanziellen Rücklagen dann schnell aufgebraucht, wenn es sie überhaupt gibt“, verdeutlicht Repschläger. Der Verband fordert finanzielle Soforthilfen von der Gesetzlichen Krankenversicherung in Form von Ausgleichszahlungen. „Wenn wir keine Leistung erbringen können, entstehen den Krankenkassen keine Kosten. Ganz im Gegenteil: Sie profitieren finanziell von dieser Situation.“ Denn die Kosten für Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Podologie seien im Haushaltsplan der Krankenkassen bereits eingeplant. Es bringe sie also nicht in finanzielle Schwierigkeiten, den Heilmittelerbringern eine Soforthilfe auszuzahlen, um deren Umsatzeinbußen auszugleichen. Für die Krankenkassen ist das ein Nullsummenspiel. Den Heilmittelerbringern rette dies aber die Existenz.

Quelle: HNA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare