Erinnern an Auschwitz:

Überzeugten mit gekonntem Schauspiel auf der Bühne in der Gedenkstätte Trutzhain: von links Judith Suermann und Sarah Giese. Fotos: Decker

Trutzhain. Brechend voll war am Samstagabend der Vortragsraum in der Gedenkstätte und Museum Trutzhain.

Die Besucher setzten sich auf Tische und Schränke, selbst im Flur standen noch einige und schauten durch die weit geöffnete Tür auf die provisorische Bühne. Judith Suermann und Sarah Giese spielten das Theaterstück „Ich lebe doch noch!“. Ausgehend von dem Buch „Der Weg ist das Ziel“ von Norbert Reck über die Ausschwitzüberlebende Hanna Mandel hat Heiko Ostendorf, der das Schauspiel musikalisch begleitete, ein sehr bewegendes Theaterstück geschrieben.

In dem Zwei-Frauen-Stück verkörpert Judith Suermann die Jüdin Hanna Mandel. Als ihr Gegenüber spielt Sarah Giese verschiedene Menschen, die Hanna während ihres langen Lebens geprägt haben. Die Szenen sind wie Erinnerungen aufgebaut, die sich wie ein Zwiegespräch zwischen Hanna und der Mutter, dem Vater, dem Nachbarn oder der eigenen Tochter entwickeln, und zeigen Hannas Gefühlslage, die aus Wut, Trauer und der Hoffnung auf Veränderung besteht.

Zu Beginn stehen erste Kindheitserinnerungen an den väterlichen Hof, auf dem Hanna mit ihren sieben jüngeren Geschwistern lebt, bevor der Befehl zur Deportation sie erreicht. „Wir standen stundenlang und warteten darauf, abgeholt zu werden. Sonst war unsere Straße immer sehr belebt, doch an diesem Tag war niemand zu sehen.“

Kein Mitgefühl

Das Schlimme an der Situation sei gewesen, dass nicht einmal ihre Nachbarn einen mitleidigen Blick für sie übrig gehabt hätten. „Die Menschen brauchen an erster Stelle Mitgefühl“, so Hanna. Fürchterliche Szenen aus dem Konzentrationslager, angefangen von der Selektion über die brutale menschenverachtende Gewalt reißen die Schauspielerinnen kurz an. „Warum streichelst du nie eine Katze?“, fragt die Tochter Eszter ihre Mutter Hanna. Und in Hanna erscheint das Bild, wie eine KZ-Aufseherin mit der einen Hand auf eine schwangere Frau einpeitschte, während sie mit der anderen Hand eine Katze streichelte. So werden im Verlauf des Theaterstückes Teile der Erinnerungen mit Hannas Verhaltensweisen verknüpft.

Nach der Befreiung versucht Hanna Mandel, ein normales Leben zu führen. Doch immer wieder muss sie feststellen, wie der Holocaust auch ihr weiteres Handeln prägt. „Warum hast du mich so streng erzogen, warum hast du mich als Kind so oft geschlagen?“, fragt ihre Tochter Eszter. Und Hanna antwortet: „Ich wollte dich stark machen, ich wollte, dass du überlebst, wenn wieder so etwas geschieht.“

In Gedenken an die Opfer

Das Holocaust-Trauma vererbte sich an die nachfolgenden Generationen. Die Gedenkstätte und Museum Trutzhain hatte in Kooperation mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund DGB Nordhessen das Theaterstück anlässlich des Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus in ihre Räumlichkeiten geladen.

„Ich sehe den blumengeschmückten Bundestag und die Abgeordneten gedenken der vielen Toten“, sagt Hanna Mandel, „und ich möchte in das Mikrofon rufen: Ich lebe doch noch!“ Mit einem stehenden Schlussapplaus bedankte sich das Publikum bei dem Theater Odos für die großartige Aufführung.

Von Christiane Decker

Quelle: HNA

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